"Verschleiß" von Menschen / Genosse Mauser / "Opfer der Geschichte"

Dauer:
00:45:09
Datum:
8 Jul 1991
Sendung:
News & Stories
Sammlung:
Heiner Müller
Mit:
Heiner Müller

Beschreibung

In diesem Gespräch zwischen Alexander Kluge und Heiner Müller, das kurz nach der deutschen Wiedervereinigung stattgefunden hat, werden Entwicklungen der Geschichte durch die Sichtweise des Dramatikers Müller auf das Subjektive beleuchtet. Dabei geht es u.a. um Theorien des Staatstheoretikers Carl Schmitt, russische Literatur, Müllers Drama "Mauser" und ein Bild des Künstlers Anselm Kiefer.

1989 inszenierte Heiner Müller "Hamlet" am Berliner Ensemble. Ihn fasziniert die Parallelität zwischen dem Stück und den aktuellen Ereignissen der Wirklichkeit. Müller bezeichnet dieses Phänomen mit einer Formulierung Carl Schmitts, der ein Buch über Hamlet geschrieben hat, als "Einbruch der Zeit in das Spiel". Nach Schmitt wird Shakespeares Hamlet erst durch die frappierende Analogie zu den historischen Ereignissen seiner Lebenszeit zur Tragödie. Auch der weitere Verlauf des Gesprächs kreist um Theorien Carl Schmitts. Müller hat sich besonders intensiv mit seinem späten Text "Theorie des Partisanen" (1963) beschäftigt: hierin entwirft Schmitt mit Blick auf die Französische Revolution die These, dass mit der Idee des Volkskrieges die Notwendigkeit des "totalen Feindbilds" entstand: die Unterscheidung zwischen Militärs und Zivilisten wurde aufgehoben, die ganze Nation militarisierte sich. Ein Satz Vilém Flussers, man könne die Französische Revolution erst dann verstehen, wenn man die bolschewistische im Blick hat, ist für Kluge und Müller Anlaß, über die Entwicklung der Russischen Revolution zu sprechen. Im Unterschied zur Februarrevolution und Übergangsregierung unter Kerenski, die Kluge als demokratisch verwalteten Krieg bezeichnet, sei unter Lenin vor dem Hintergrund der Erfahrung der Massaker des Ersten Weltkrieges ("Protest gegen die Barbarei von Verdun") eine Haltung gegen den Krieg  ("Sozialismus oder Barbarei") maßgebend gewesen, mit der er die Massen für sich gewinnen konnte.

Hätte es in Russland anders laufen können? Kluge und Müller diskutieren den Einfluss des Westens auf Russland (so bezeichnet der Geschichtsphilosoph Arnold Joseph Toynbee den "Marxismus als Vehikel des Frühkapitalismus in Russland") und gehen der Frage nach, ob die Geschichte unter Lenin, den Schmitt als "akademischen Pugatschow" bezeichnet, dem "Instinkt des russischen Volks für das lange Leiden" (Guido Ceronetti) entpricht. Der "ewige Emigrant" Lenin, der nur wenig über Russland wusste, hat nach Auffassung Müllers das Potential einer anderen Entwicklung Russlands, "die Chance der Verlangsamung", nicht erkannt.

Gibt es eine sinnvolle Lebensmöglichkeit für beliebig viele Menschen? Müller beschreibt den Ersten Weltkrieg als Ausgangspunkt einer Bedeutungsverschiebung des Unterschieds zwischen Leben und Tod für das individuelle Verhalten: Wenn das Leben kriegerisch, unlebbar, obszön ist, verliert der Tod an Obszönität. Mit Blick auf die Unerträglichkeit und Langeweile des modernen Daseins, in dem "alle Lebensformen kriegerisch" sind, spricht Müller von "leerer Zeit", wenn einen die Realität daran hindert, seinen eigentlichen Neigungen und Interessen nachzugehen: "Ich werde also Dinge tun müssen, die mich nicht wirklich interessieren. Damit vergeht Lebenszeit, die ich eigentlich ganz anders gebrauchen möchte.".

Mit Blick auf junge Männer und Frauen, die ihr Leben für die Russische Revolution eingesetzt haben, sprechen Kluge und Müller über den "Verschleiß von Menschen", Verschleiß für ein Ziel, was nicht erreicht wurde und heute nur noch als Idee existiert. Auch in Müllers Drama "Mauser" (1970) geht es um den Verschleiß eines Menschen für eine Aufgabe": Ein Mann wird beauftragt, Erschießungen durchzuführen, solange bis er selbst daran Gefallen findet und dabei seine Menschlichkeit verliert, weil es anders nicht auszuhalten ist. In Anselm Kiefers Kunstwerk "Flugzeuge aus Blei" kommt dieses Abstraktwerden, die Mechanisierung des Tötens zum Ausdruck.

Zum Ende des Gesprächs blicken Kluge und Müller auf die Wiedervereinigung. Müller bezeichnet seinen Beruf als Aufgabe zu beunruhigen, zu irritieren, gängige Vorstellungen zu stören und kritisiert so in seiner Rede als Kleist-Preisträger 1990 die Ordnungsvorstellung, das Tempo und die kolonialistische Art der deutschen Wiedervereinigung. Stattdessen liege gerade in dem Chaos das Potential, dass auch der Osten Einfluss auf den Westen nehmen könne.