Zu Alexander Kluge

Zu Alexander Kluge

Alexander Kluge (1932-2026) gehörte von den 1960er Jahren bis zum ersten Viertel des 21. Jahrhunderts zu den führenden intellektuellen und kreativen Stimmen in Deutschland. Als der sog. “Lieblingssohn Adornos” (O. Negt), hat er sowohl in Sprache als auch Bildern ein umfangreiches, höchst innovatives Werk hinterlassen, was als Fortsetzung der kritischen Theorie der Frankfurter Schule mit anderen Mitteln verstanden werden kann.

Kluge war bis in die letzten Wochen seines Lebens hinein als Autor, Filmemacher und visueller Kunstler erstaunlich produktiv. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens wandte er seine Aufmerksamkeit zunehmend öffentlichen Austellungen in Museen und Gallerien zu. Um nur einige Beispiele zu nennen: Kluge veranstaltete 2018 im Museum Folkwang Essen die grossangelegte Ausstellung Pluriversum/Pluriverse, die Film- und Videoarbeiten, Texte und Bilder präsentierte, und im selben Jahr arbeitete er mit dem Fotografen Thomas Demand und der Bühnenbildnerin und Regisseurin Anna Viebrock zusammen an einer Ausstellung für die Kunstbiennale in Venedig (“The Boat Is Leaking. The Captain Lied”). 2023 war Kluge mit seinen Videoarbeiten an einer Ausstellung über die Hinterlassenschaften des Kunsthistorikers Aby Warburg in der Galerie Uffizien beteiligt. Noch im frühen 2026 inszenierte er eine Ausstellung an der Akademie der Bildenden Künste Wien (“Nachts träumen die Kulissen von ungesehenen Bildern”). Er veröffentliche in diesen Jahren ebenfalls im grossen Umfang und oft in Zusammenarbeit mit bedeutenden bildenden Künstler:innen. Mit u.a. Katharina Grosse, Georg Baselitz, Gerhard Richter und Anselm Kiefer zusammen machte Kluge Bücher, die Bilder mit literarischen und philosophischen Texten verbinden. 2018 veröffentlichte Kluge mit dem renommierten US-amerikanischen Schriftsteller Ben Lerner Schnee über Venedig, ein Buch, das Lerners Gedichte mit Kluges Geschichten quasi-dialogisch zusammenstellt. Im selben Zeitraum veröffentlichte Kluge Russland-Kontainer (2020), Das Buch der Kommentare. Unruhiger Garten der Seele (2022), Zirkus / Kommentar (2022) und vieles andere mehr. In den letzten Jahren seines Lebens engagierte sich Kluge ausgiebig mit wegbereitenden und äusserst reichhaltigen Experimenten mit einer durch künstliche Intelligenz vermittelten Bildproduktion. Sein Buch Der Konjunktiv der Bilder. Meine virtuelle Kamera (K.I.) bietet Kluges philosophische Betrachtungen zum Prozess und zu der Rolle von Zufall und Irrtum bei der Schaffung von Öffnungen zur Vorstellungskraft. Kluges Arbeiten mit generativer KI erscheinen auch markant in Sand und Zeit (2025)—einer bildreichen Meditation über Krieg, historische Zeitlichkeit und Silizium—und ebenfalls im Buch Schattenrisse der Macht. Ein Zwölf-Cäsaren-Kommentar (2026). Bei diesem Titel handelt es sich um das letzte Buch, das zu Kluges Lebzeiten veröffentlicht wurde.

Schon sehr früh, Anfang der sechziger Jahre, wurde Kluge gleichzeitig als literarischer Schriftsteller und Filmregisseur bekannt. Sein Film Abschied von gestern gewann 1966 als erster deutscher Film nach 1945 in Venedig den Silbernen Löwen, 1987 lief in den Kinos schon sein 27. Film. Die Bezeichnung „der deutsche Godard“ beschwört annähernd zutreffend den umfangreichen Einfluss und das stylististisch Innovative an Kluges Filmarbeit. Ohne Kluge als Organsiator und Moderator hätte der „Neue deutsche Film“ (Fassbinder, Herzog, Schlöndorff u.a.) in den siebziger Jahren nicht die Weltgeltung erreicht, die diese Filmbewegung damals und auch lange danach erhielt. Mit seinem ersten Erzählband Lebensläufe (1962) ging Kluge vielen Brüchen in deutschen Lebensläufen nach (wer um 1900 geboren wurde, hat z.B., bis er 60 wurde, in vier verschiedenen Staaten gelebt). Kurz darauf folgte 1964 der experimentelle Montageroman über Stalingrad (Schlachtbeschreibung, 1964), der Kluge für viele als Erfinder einer neuen dokumentarischen Methode etablierte.

Es gibt jedoch für Kluge keine Fakten, an denen nicht sofort Phantasien, Gefühle, Erinnerungen, Wünsche und Protest mit heften. Objektive Wahrheit ist nicht die Objektivität alleine, sondern nur in objektiv-subjektiven Beziehungen zu entdecken. „Das Allerobjektivste ist das Subjektive“, lautet einer von Kluges verblüffendsten Sätzen. Die menschliche Natur, in der solche Eigenschaften wie das „Urvertrauen“, „Hunger nach Sinn“ und die Glückssuche fest verankert sind, ist für Kluge ein ebenso hartes Faktum, wie es die Schönheiten und die Grausamkeiten der äußeren Natur und der Geschichte sind. Kluge hat bis zu seinem Tode mehr als ein Dutzend große Erzählbände veröffentlicht, die an der Schnittstelle zwischen historischer Reflexion und radikalem literarischem Experimentieren zu verorten sind. Er hat alle bedeutenden Literaturpreise Deutschlands erhalten, und darüber hinaus sowohl Filmpreise in Venedig, Cannes und Berlin als auch Frankfurts Adorno Preis fur ausserordentliche Leistungen in Film, Philosophie und Musik.

Die von Kluge ab 1988 mitten im Kommerzfernsehen produzierten „Kulturmagazine“ sind ebenfalls als Ausnahmeerscheinung, als hervorragender Beitrag zu einem umfangreichen medialen Feld zu verstehen. In den vergangenen 25 Jahren hat Kluge wöchentlich 2-3 Fernsehsendungen in der Länge von 15, 25 und 45 Minuten hergestellt, so dass sich insgesamt etwa 1.700 Stunden Sendezeit ergeben. Sie beschäftigen sich zu je einem Drittel mit Buch, Film und Oper und lassen ahnen, was Fernsehen sein könnte, wenn es nach den Maßstäben des Autorenfilms ginge. Thematische Schranken gibt es für Kluge auch hier gar nicht, denn was auch immer in Kunst, Wissenschaft und Philosophie interessant ist, soll im Fernsehen ebenfalls Platz finden.

Alexander Kluge, photo by Markus Kirchgessner

Alexander Kluge
Photo: Markus Kirchgessner

Mit der ausdrücklichen Genehmigung von Alexander Kluge dokumentiert diese Online-Sammlung der Cornell University drei Staffeln an gesendeten Dialogen, die Kluge mit einigen seiner prominentesten Kollegen:innen, Intellektuellen von gleichem Rang, geführt hat, und präsentiert eine breite Auswahl aus seiner filmischen und fernsehtechnischen Produktion. Wir freuen uns, eine Selektion von Kluges Spielfilmen aus den Jahren 1965-1985 präsentieren zu können, sowie sein Serpentine Gallery-Programm (eine Kurzfilmsammlung von 1995-2005) und Nachrichten aus der ideologischen Antike: Marx – Eisenstein – Das Kapital von 2008. Bei diesem Titel handelt es sich um Kluges besonders anspruchsvolle Umsetzung eines Vorhabens von Sergei Eisenstein aus den 1920ern, das Kapital von Karl Marx zu verfilmen. Zwei spätere Filme, Cosmic Miniatures (2024) und Primitive Diversity (2025), die beide viele Beispiele von Kluges Experimenten mit generativer KI aufweisen, werden ebenfalls hier angeboten, zusammen mit einer breiteren Vielfalt an Kluges neuerem Material.