St. Petersburg, eine Umbenennung

Dauer:
00:45:10
Datum:
6 Jan 1992
Sendung:
News & Stories
Sammlung:
Heiner Müller
Mit:
Müller's circle: Daniil Granin

Beschreibung

In diesem „News&Stories“-Magazin spricht Alexander Kluge mit dem Dramatiker Heiner Müller und dem russischen Schriftsteller und ehemaligen Panzeroffizier Daniil Alexandrowitsch Granin. Der Wortlaut Granins wird von einer Dolmetscherin übersetzt.

Themen des Gespräches sind u.a. die Stadt Leningrad bzw. Sankt Petersburg, die Kriegszeiten in Russland, die Arbeit des jungen Soldaten und späteren Panzeroffiziers Granin sowie seine Bedeutung für die DDR.

Leningrad ist für Granin eine ganz besondere, harmonische Stadt, erschaffen von unterschiedlichsten Architekten vielerlei Länder - "Leningrad, das ist Schönheit“ (Granin).

Die Umbennenung Leningrads wird von Granin kritisch gesehen, da zwei Generationen von Menschen diese Stadt seither belebt hatten und man sich von dem Namen Lenin sowieso schon freigemacht hatte; die Stadt Leningrad existierte - auch als Name - für sich.

Uneinigkeit herrscht bei der Frage nach dem Namensvetter des ursprünglichen und wieder aktuellen Städtenamens Sankt Petersburg: Während Granin behauptet, der Name entstamme einer "Ehre an den Heiligen Petrus“, bezeichnet Kluge dies als Schwindel und bezieht die Namensgebung auf den Gründer und Erbauer - „[I]m Westen wird es verstanden als eine Heiligung von Peter dem Großen.“ (Müller).

An den Tag der Befreiung Leningrads kann sich Granin auf Nachfrage Kluges nicht erinnern; zu diesem Zeitpunkt war er nicht mehr an der Leningrader Front, sondern in der Panzerschule als Kommandant einer Einheit schwerer „Josef-Stalin-Panzer“ - auf dem Weg durch Estland und Ostpreußen hatte er neun Panzer zu befehligen.

Zu Beginn des Krieges war Granin 21 Jahre alt und trug sich sofort als Freiwilliger beim Militär ein. Er arbeitete fortan in der Kirow-Fabrik und konstruierte Panzer, zur Armee wurde er jedoch vorerst nicht zugelassen. Schließlich gelang es ihm aber der damaligen Volkswehr beizutreten. Mit diesem Trupp wurde er dann direkt an die Front geschickt und gerat alsbald in ein Bombardement - „[D]as war eine Division, die eben aus Freiwilligen bestand, das waren keine angelernten Militärs. Wir hatten überhaupt keine Waffen, wir bekamen nur Flaschen mit entzündbarem Material.“ (Granin).

Trotz mangelnder Ausbildung, fehlender Waffen und tragischer Verluste konnten sie die Deutschen längere Zeit aufhalten; dies war nur durch eine tiefe sozialistische Überzeugung und einen kollektiven Glauben an Solidarität möglich, so Granin: "Sobald es irgendwie eine Berührung mit uns gäbe, so würde jeder verstehen, dass [man] gegen Proletarier [...] nicht kämpfen [kann].“

Der Kampf um Leningrad war ein erbitterter und langer - über 900 Tage wurde die Stadt von deutschen Soldaten belagert. Ein Ziel der Deutschen war es, die Stadt quasi „auszuhungern“, was allerdings durch das Einrichten des „Wegs des Lebens“ quer durch den Ladoga-See verhindert wurde: „Auf welche Art und Weise [...] die Leningrader Front sich halten konnte [...] ist für mich heute sogar wirklich unerklärlich“.

Vielleicht lässt sich eine Erklärung in einem „moralischen Umstand“ finden, so Granin. Während der Gefechte vor der Stadt "hatten wir die ganze Zeit das Gefühl gehabt, hinter uns steht Leningrad” (Granin). Ein erhebendes und stolzes Gefühl, diese schöne Stadt mit den “weißen Nächten” und der einmaligen Architektur zu verteidigen: "Wenn das eine gewöhnliche Stadt gewesen wäre [...] dann hätten wir das nicht ausgehalten.“.

Besonders gut erinnern kann sich Granin an einen Vorfall, der sich in einem russischen Waldgebiet ereignete. Zwei Aufklärertruppen zogen einen Waldweg entlang und trafen an einer Wegbiegung aufeinander. Sofort sprangen alle Soldaten beider Parteien in die sich gegenüberliegenden Straßengräben, bis auf einen jungen deutschen Soldaten, der in den falschen Graben sprang: Allgemeines Gelächter bei den Deutschen wie den Sowjets. Danach konnten sie nicht mehr aufeinander schießen und zogen in gegensätzliche Richtungen weiter.

Nach Müller war Granin für die DDR eine sehr wichtige Persönlichkeit und wurde sowohl mit Heinrich Böll als auch mit Hans Werner Richter verglichen. „Er war so was wie eine moralische Instanz, [...] eine moralische Kritik am System, die in der DDR so nicht geleistet werden konnte [...].“

Kritik konnte nur über „Umwege“ (Kluge) geübt werden, z.B. über die Beschäftigung mit sowjetischem „Stoff“; durch die leichte Arroganz der DDR-Funktionäre gegenüber den Sowjets „fiel das nicht so auf“ (Müller).