Das Ruinengesetz in der Musik

Gespräche mit Pierre Boulez zu Entwürfen von Heiner Müller

Dauer:
00:24:04
Datum:
23 Jun 1997
Sendung:
Ten to Eleven
Sammlung:
Heiner Müller
Mit:
Müller's circle: Pierre Boulez

Beschreibung

In diesem Interview spricht Alexander Kluge mit dem französischen Komponisten, Dirigenten und Musiktheoretiker Pierre Boulez über dessen Zusammenarbeit mit und sein Verhältnis zu Heiner Müller, das Bestehen und Überdauern von Musik, die Erneuerung des Atriden-Mythos, Zeitlichkeit in der Musik sowie Stoff und Form von Kunstwerken.

Das „Reichsruinengesetz“, das Hitler nach Kluge im Jahr 1943 erlies, besagte, dass staatliche Gebäude stabil gebaut sein müssten und nur die besten Materialien verwendet werden sollten, so „dass sie in 6000 Jahren [noch] eindrucksvoll aussehen“ (Kluge). Kluge und Boulez scheinen darüber einig, dass ein ähnliches Gesetz auch in der Musik vorherrscht - „eine wirklich gute Komposition ist [...] unzerstörbar.“ (Kluge).

Als gutes Beispiel für die Kraft und Persistenz von Musik erscheint die Aufführung der Götterdämmerung in Wien unter dem Befehl des Gauleiters Baldur von Schirach während der Belagerung durch sowjetische Stoßtruppen zu Land und bombardierende US-Geschwader aus der Luft im März 1945. Nachdem das Opernhaus durch Bombenangriffe zerstört worden war, begaben sich die verschiedenen Instrumentalgruppen in die Luftschutzkeller und probten dort, verbunden durch Feldtelefone und Infanteristen, die als Läufer fungierten.

In Wagners kompositorischer Arbeit findet sich nach Boulez eine sehr gut ausgearbeitete Orchestrierung. Obwohl jede Orchestergruppe nur Teil einer größeren Gruppe ist, haben sie einen eigenen „Sinn“; er selbst habe dies als Zuschauer im Orchestergraben in Bayreuth erlebt, während Karl Böhm dirigierte. Ein "Brei" (Kluge) entstehe für ihn dabei nicht, die Musik habe ihren ganz eigenen Reiz  - das „Orchester ist eine rekonstruierte Ruine“ (Boulez).

Im folgenden Teil sprechen Kluge und Boulez über das von Müller geschriebene und nie vollendete Libretto für eine Oper Boulezs.

Kennengelernt hatten sie sich in Salzburg, während in Bayreuth Müllers Inszenierung des „Tristan“ lief. Dort begann auch, was in den kommenden Jahren ein reger Austausch über künstlerische Ausdrucksweisen werden sollte. Speziell eine Idee kam dabei immer wieder zur Sprache: Wie bereits in langen Unterhaltungen mit seinem Freund Jean Genet thematisiert, beschäftigten Boulez bereits seit Längerem Gedanken und Ideen zu einer Oper oder einem Kunstwerk „der Zukunft“. Besonders interessierten ihn hierbei Fragen nach der Beziehung von gesprochenem Theater und Musik und wie sich dieses Verhältnis manifestiere. Auch Überlegungen nach den möglichen zu verwendenden Mitteln, wie beispielsweise Marionetten und Masken, das Einbeziehen elektronischer Musik und das generelle Nachdenken über und Hinterfragen von Zeitlichkeit auf der Bühne faszinierten ihn. Über all dies und vieles mehr korrespondierten Müller und Boulez regelmäßig in den kommenden Jahren, zumeist in Briefform. Persönliche Treffen kamen nur unregelmäßig zustande.

Bei ihrem letzten Treffen erzählte Müller Boulez von seinen Plänen für eine vollkommene theatrale Erneuerung des Atriden-Mythos, angelehnt an das japanische Bunraku-Figurentheater mit Sofitten, aus denen die Figuren gesteuert werden und gleichzeitig gesungen wird. Das Ganze sollte eine „Tragödie im Zeitraffer“ werden - „1000 Jahre Mythos in zehn Minuten“ (Kluge).

Im weiteren Verlauf kommen Kluge und Boulez auf Fragen künstlerischer Ausdrucksform zu sprechen und debattieren über Zeitlichkeit und Zeitbegriffe in der Musik und auf der Bühne sowie das Verhältnis von Stoff und Form künstlerischer Werke.

Am Ende ihres Gesprächs stellt Kluge die Frage nach der musikalischen Realisierbarkeit des „Untergangs von Troja“ aus Ovids „Metamorphosen“. Müller hatte kurz vor seinem Tod eine ihn begeisternde Ausgabe dieses, in Hexametern verfassten, mythologischen Werks in britischer Ausgabe für 500 Dollar erstanden und war seitdem von der Idee einer Aufführung dieses Stoffs fasziniert. Boulez meint, die Frage in aller Kürze nicht beantworten zu können, da das Werk zu dicht und voll von Konnotationen sei. Eine Umsetzung des gesamten Stoffs scheine unmöglich, eine Verknüpfung dreier Momente und deren Aufführung im Bereich des Denkbaren: eine Umsetzung, die ähnliche Themen und Fragen stellt, in der die Szenerien und erzählerischen Zusammenhänge aber entrückt dargestellt werden.