Es waren irgendwelche Schattenmaschinen, die da forbeifuhren

Heiner Müller über seine Wahrnehmung des Kriegsendes

Dauer:
0:15:12
Datum:
22 Jul 1990
Sendung:
Primetime
Sammlung:
Heiner Müller
Mit:
Heiner Müller

Beschreibung

In diesem Interview untersuchen Müller und Kluge die Erinnerungen der Ostdeutschen an die letzten Tage des Krieges. Das Gespräch wird mit einer Sequenz aus einem Film von 1961 des russischen Filmemachers Sergej Parajanow mit dem Titel The Ukrainian Rhapsody eingeleitet. Darin schreibt ein Soldat der Roten Armee einen Brief an seine Verlobte Oskana, die an der Heimatfront weilt, indem er ihr seine Vision mitteilt, während der Kämpfe Beethovens Mondscheinsonate zu lauschen. “ Früher habe ich selten Beethoven gehoert”, schreibt er, “wenn er lediglich die Mondscheinsonate komponiert hätte, hätte der Krieg auch davor zurückweichen müssen.” Die Szene wird durch die Ankunft deutscher Panzer unterbrochen.

Kluge beginnt die Diskussion mit einer Frage zu einem Buch von Curzio Malaparte, ein Schriftsteller deutsch-italienischer Herkunft, der zwei wortgewaltige Bücher über den Zweiten Weltkrieg verfasst hat. Müller hatte dabei geholfen eines der beiden Bücher wieder zu veröffentlichen. Unter anderem deswegen, weil die darin eingenommene Haltung sich mit seinen eigenen Erinnerungen an das Ende des Krieges und die unmittelbare Nachkriegszeit deckt. Eine dieser Übereinstimmungen war die Bemerkung, dass obwohl der Kampf zwischen Deutschland und der Sowjetunion erstmals ein Krieg zwischen Arbeiterarmeen war, er dennoch “ein seltsames Überbleibsel einer Art feudaler Ritterlichkeit unter diesen vollständig industrialisierten Truppen” bildete. Weitere behandelte Themen sind die Diskussion um das Problem der Vergewaltigungen während des sowjetischen Terrors von 1945-46, der Stopp der Wehrmacht vor den Toren Moskaus und Müllers eigenen Erfahrungen als Kriegsgefangener, sowohl auf Seiten der Sowjets als auch der Amerikaner.