Heiner Müller im Zeitenflug

Aktualität von Ovids Metamorphosen

Dauer:
0:45:19
Datum:
29 Jan 1996
Sendung:
News & Stories
Sammlung:
Heiner Müller
Mit:
Heiner Müller

Beschreibung

Ovids Metamorphosen, deren Übersetzung durch Golding (1603) eine Quelle für Shakespeare war, bezeichnet Müller als ein Lexikon der griechischen Mythen mit dem theatralischen Hauptmotiv der Verwandlung von Menschen in Tiere, Pflanzen, Steine - zur Strafe oder aus einem Fluchtbedürfnis Ovid, der als galanter Autor gilt, ist trotzdem grausam. Orpheus, auf der Flucht, kann von den Mänaden nicht umgebracht werden mit natürlichen Gegenständen, die er besungen hat. Erst bäuerliche Arbeitsinstrumente, die er nicht besang, vermögen ihm den Tod zu bringen. Der dem betrügerischen Apoll im musikalischen Wettstreit unterlegene und von diesem gehäutete Satyr Marsyas bringt erst durch seinen Schrei alle Musik zum Verstummen. Diese Metaphorik Ovids, so Müller, sei immer noch aktuell. Über die Generationen hinweg werden von Ovid die Kosten der Angst bilanziert, die bei der Gründung von Zivilisation entstehen. Als eine Form von "Tröstung" kann dabei allenfalls die Verwandlung verstanden werden. Das verbinde Ovid noch mit Kafka und Brecht, der sich einmal die Verwandlung "in unbedrohbaren Staub" wünscht.

Der Untergang Trojas hat unterschiedliche Folgen. Kelten und Etrusker, vielleicht im Besitz der trojanischen ERfahrung, gründen nie wieder einen Staat, der entkommene Änäas dagegen den Superstaat Rom. Er selbst, sagt Müller, brauche den Staat als Rahmen, gegen den er durch die Kunst des Schreibens opponieren kann. Er attestiert sich eine passive, weibliche Reaktionsweise, die im Gegensatz zu der Gründungsmentalität eines Feldherrn steht. Im Unterschied zu Troja war die Domestizierung der Frau die Voraussetzung für die Staatsgründung Roms. Wenn diese Frage, verdichtet im Bild vom Raub der Helena, der Sinn des trojanischen Krieges war, so ist den modernen Kriegen jeder Sinn abhanden gekommen. Kluges Frage, warum die sozialistische Internationale eigentlich nicht den ersten Weltkrieg verhindern konnte, beantwortet Müller mit dem Hinweis auf die Entstehung der preußisch-deutschen Militärmaschine nach 1848. Die Allianz von Junkern, Militär und Bürgertum bündelte auch proletarische Energien, ein Vorgang, der durch die Sozialversicherung flankiert wurde. So konnte die besondere, deutsche Kriegsbegeisterung als eine Freiheitsillusion aufbrechen. Müller zitiert hierzu Karl Korschs auf den deutschen Überfall auf Griechenland (1941) gemünzte Definition des Blitzkriegs als "gebündelte linke Energie". In der vergleichsweise geringeren Grausamkeit der deutschen Eroberung Griechenlands erkennt Müller Hemmungen, die aus der deutschen Klassik stammen. Auf die phantastische Vorstellung Kluges, Heidegger und deutsche Studienräte wären im Gefolge der deutschen Truppen nach Griechenland beordert worden, gewissermaßen mit wissenschaftlichem Gründergeist bewaffnet, vermutet Müller, sie hätten dort vielleicht gar nicht die gereinigte klassisch-römische Schönheit Winckelmanns entdeckt, sondern vielmehr, wie Goethe in Sizilien, das Monströse, Asiatische der Antike erkennen müssen.

Auf sein Bemühen befragt, im Theater einen "authentischen Ausdruck des Ostens" herzustellen, verweist Müller auf die enge Verbundenheit zwischen Preußen und Russland. Das Preußische sei weniger eine Struktur als eine Bewegung, so sei z.B. Heinrich von Kleist so ortlos wie ein Mongole.

Den Schluss des Gesprächs leitet Heiner Müllers Lesung des Gedichts Orpheus gepflügt ein. Wenn man längere Strecken der Generationenfolge betrachtet und als eine Einheit nimmt, so Kluge, dann verliere der Tod an Realitätsgehalt, er fließe dann nur durch die Gattung hindurch. Wichtig dabei, entgegnet Müller, sei aber das Wachhalten der Erinnerung, und eine Erinnerungsform sei eben das Schreiben.