Garather Gespräch mit Heiner Müller

Das Garather-Gespräch

Dauer:
0:45:17
Datum:
2 Jul 1990
Sendung:
News & Stories
Sammlung:
Heiner Müller
Mit:
Heiner Müller

Beschreibung

Heiner Müller inszenierte 1989 am Berliner Ensemble einen ungekürzten siebeneinhalbstündigenHamlet, weil sich in der deutschen Wiedervereinigung "die Verabschiedung des Prinzips Hamlet zugunsten der freien Marktwirtschaft" vollzöge. Er vertieft in diesem Gespräch die Parallelität zwischen dem Stück und der aktuellen Wirklichkeit am Beispiel der Handlung und der Figuren (z.B. Günter Schabowskis sowie der problematischen Rolle Fortinbras).

Auf sein Verhalten bei den vielen Interviews befragt, die Müller nach dem Fall der Mauer gab, wendet sich das Gespräch der Kundgebung vom 4. 11. 1989 auf dem Alexanderplatz zu. Im Verlauf der genauen Beschreibung der Umstände an diesem Tag (Wetter, Toiletten, Abfolge der Redner, Lautsprecheranlage) charakterisiert Müller, der als "Botschafter" eine Resolution verlas, die Menschenmenge als etwas Tierisches, dem er nicht gewachsen ist und über das er zugleich seine Macht spürt.

Gegen Ende des Gesprächs kommt Müller noch einmal auf sein zuvor schon angesprochenes Verständnis von Kunst zurück: Kunst entsteht aus "Einverständnis ohne Tabu". Darum ist sie auch nicht "human", und authentisch nur, wenn sie der von der pluralistischen Gesellschaft geforderten Sentimentalisierung widerstehe. Der Satz, daß es "gegen Auschwitz kein Argument" gäbe, ist in diesem Zusammenhang der zwangsläufig befremdlichen Ausdrucksmittel von Kunst zu verstehen. Auf Kluges Frage nach dem revolutionären Charakter der Wiedervereinigung hebt Müller im Anschluß an Benjamin den historischen Bremscharakter von Revolutionen hervor.