Der Tod des Seneca

Dauer:
0:24:09
Datum:
26 Apr 1993
Sendung:
Ten to Eleven
Sammlung:
Heiner Müller
Mit:
Heiner Müller

Beschreibung

Mit Nietzsche bestimmt Müller das Motiv des Philologen als "Gier", "einfach alles haben wollen, alles greifen, alles wissen wollen". Dieser "Hunger" zeichnet auch den Künstler aus, sei aber der modernen Kunst abhanden gekommen, die lediglich noch "Appetit" habe und darum so langweilig sei.An Seneca, dem Lehrer Neros, der sich im Schatten der Macht bereicherte, interessiert Müller zweierlei: die morbide Genußsucht und die in der jenseitsfreien römischen Tradition vorhandene angstlose Verfügbarkeit über das eigene Leben. Noch seinen eigenen Tod inszeniert Seneca genießerisch mit der Absicht auf Nachruhm. Vom "Bösewicht" Nero, der militärisch unambitioniert und Kunstliebhaber war, sagt Theodor Mommsen, seine Regierungszeit sei vermutlich die glücklichste gewesen, die die römische Bevölkerung erlebt habe. Senecas Nachleben hat zwei Wurzeln: seine Bearbeitungen der griechischen Dramen bringen die Grausamkeiten auf die Bühne und beeinflussen damit das elisabethanische Theater. Zum andern trägt Tacitus' präzise Beschreibung vom Selbstmord des Seneca als schmerzhaft und langwierig zum Topos des scheiternden Fürstenerziehers in der deutschen Literatur im 18. Jahrhundert bei, der als eine spezifisch deutsche Illusion bis ins 20. Jahrhundert fortlebt.

Heiner Müller liest zum Schluß sein Gedicht Der Tod des Seneca vor, gefolgt von dem Gedicht Orpheus gepflügt.