Transkript

Der Mensch als Raubtier

Voice-over: Mir geht es ausgezeichnet! Danke, Bitte! Mir geht es ausgezeichnet! Danke, Bitte! Geld – Geil. Geld – Geil. Geld – Geil. Geld – Geil. / Zeit ist Geld, regiert die Welt / Der Stoff, der alles zusammenhält / Kennt keine Moral, alles total egal / Zeit ist Geld, regiert die Welt.

Text: In der heutigen Ökonomie werden die niedrigen Instinkte des Menschen freigesetzt und sie bekommen allmählich so etwas wie einen positiven Akzent  der Produktivität, sagt der Soziologe Oskar Negt / Welche Eigenschaften braucht der moderne Manager? / Wäre Goethes Dr. Faust zur Führung eines globalen Konzerns geeignet? - -

Text: DER MENSCH ALS RAUBTIER / Oskar Negt über die NEUE ETHIK in der Ökonomie

Oskar Negt: So wie Bloch das sagt, der Raubtierbändiger-Standpunkt beginnt allmählich zu einem vorherrschenden Standpunkt zu werden, sowohl gegenüber der äußeren Natur, wie auch gegenüber der inneren Natur. Also die Instinkte, die niedrigen Instinkte des Menschen, oder niedrigen Tugenden werden freigesetzt und bekommen allmählich so etwas wie einen positiven Akzent der Produktivität.

Alexander Kluge: Obwohl das weitgehend systematisch funktioniert, nicht auf einzelnen Individuen beruht, gibt es doch die Vorstellung dann, dass es so etwas wie einen Raubtiermenschen, einen Raubmenschen, oder den Menschen als Raubtier geben möge. So wie man sagen kann, Pizarro oder Cortez, diese Abenteurer, die das Gold Lateinamerikas nach Spanien bringen. Das sind Raubtiere.

Negt: Oder Cesare Borgia, wie Machiavelli das beschreibt. Bei Machiavelli sind diese Tugenden ja auch auf die Souveränität des Staates und des Fürsten bezogen, und bekommen allmählich einen positiven Akzent, indem er auch sagt: Wenn ich einen Feind haben, habe ich zwei Möglichkeiten: Entweder ich werde eines Tages besiegt, oder ich muss ihn vernichten. Das heißt also, hier beginnt eine ganz neue Ethik, kann man sagen, der politischen Philosophie. Das ist etwas, was von Aristoteles ganz weit weg rückt.

Kluge: Und alle Grausamkeiten muss man zu Anfang und sehr rasch folgend begehen. Weil man hinterher die Chancen nicht mehr hat.

Negt: Naja, und weil man hinterher, wenn die Grausamkeiten gelockert werden, als der gute und gutmütige Fürst angesehen wird.

Text: Prof. Dr. Oskar Negt, Soziologe

Kluge: Sich darstellen kann, wie es schon Kaiser Augustus machte. Der es ja an Grausamkeit bis zur Machtergreifung nicht hat fehlen lassen, und anschließend der Hort der Clementia, der Güte ist. Jetzt, dies sind alte Machtverhältnisse. Und sie sind übrigens … gibt es da so eine Bienenfabel …

Negt: Ja, von Mandeville. Bernard Mandeville. Eine Bienenfabel, in der er sagt – Also der Untertitel dieses Buchs heißt „Private Vices – Public Benefits“. Also die privaten Untugenden, nicht die Tugenden konstituieren den gesellschaftlichen Reichtum. Sondern wenn die Untugenden, die Bösartigkeit, die Vernichtungswürdigkeit des Gegners freigesetzt wird, ergibt das Ganze so etwas wie einen Produktionszusammenhang. Er ist sehr stark angegriffen worden, weil er als ein Aushöhler der Moral erschienen ist. Aber da beginnt eigentlich dieses System von Konkurrenz, von Warentausch sich zu etablieren, mit bürgerlichen Tugenden, die traditionell als Untugenden galten.

Kluge: Würde Faust zum Beispiel irgendetwas taugen in der heutigen Ökonomie, in einem Vorstand?

Text: FAUST als moderner Konzernchef

Negt: Vorrübergehend vielleicht, indem er das macht, was viele Leute gern haben bei Industrieberatern, indem er möglichst viele Leute entlässt, und dafür sorgt, dass das problemlos abläuft. Das heißt, in dieser gewalttätigen Form der Ausgrenzung derjenigen, die überflüssig sind, oder die nur versorgt werden. Darin schon. Aber ich glaube nicht, dass er sich im Vorstand eines Konzerns sehr lange halten würde. Sondern er würde die Konkurrenten von unten anlocken und wäre sehr bald auch einer, die von sehr weit oben fallen.

Kluge: Er ist zu sinnlich. Wegen Verführung Minderjähriger, im Fall von Gretchen und so weiter, würde er wahrscheinlich sich selbst ein Bein gestellt haben.

Negt: Naja, und das ist ja … die Korruption des VW-Skandals läuft ja auf diesen verschiedenen Ebenen genauso mit Verführung und mit Korruption auf dieser sexuellen Ebene. Das heißt also, das ist etwas, was im Augenblick in einem großen Konzern nicht das Personal ausmachen würde.

Kluge: Was zusätzlich bei Faust hinzukommt: Die Unersetzlichkeit seiner Begierde. Das heißt, er kann seine Reiche gar nicht begrenzen. Wenn er jetzt alles das gemacht hat, was er im fünften Akt des zweiten Teils bei Goethe tut, worüber er stirbt, dann würde er ja nicht aufhören.

Negt: Nein, die Unersättlichkeit, die ewige Betriebsamkeit, die Unruhe, er bringt Unruhe.

Kluge: Ist eigentlich monströs. Insofern würde er im Sinne …

Negt: Er ist der Prothesengott.

Kluge: Prothesengott. Prothesengott heißt?

Negt: Heißt, man hat sich viele Möglichkeiten angelegt. Bei Freud ist es ja der Mensch, der sich ausstattet mit der Technik, und bei Faust mit magischen Kräften, aber er ist eben nicht zufrieden damit. Die Dinge sind alle nicht mit ihm organisch verknüpft.

Kluge: Und die Magie wird ja ganz praktisch definiert. Also wenn ich 80 Pferde mir leisten kann, dann hab ich eben 80 PS unter mir. Und das ist ja gar nicht nur magisch, sondern es ist die wirkliche Beherrschung.

Negt: Und das ist ja auch dieser Zusammenhang, auf den sich Marx stützt, indem er darauf verweist, dass diese Vervielfältigung der Kräfte alle im Arrangement dieser Ich-Überhöhung bei Faust auftreten.

Kluge: Nochmal zu dem Raubtier. Mit welchen Raubtier-Charaktereigenschaften würde man eigentlich einen brauchbaren modernen Wirtschaftskämpfer, Wirtschaftskrieger vergleichen? Heuschrecken? Das ist ja eigentlich nicht die wirkliche Form des zentralen Wirtschaftskämpfers.

Text: Mit welchem Tier würde man einen Wirtschaftskrieger heute vergleichen?

Negt: Nein, eigentlich nicht. Diese Heuschreckenkampagne, die Müntefering in Gang gebracht hat, zeigt nur die Verantwortungslosigkeit von Leuten, von solchen Gremien, von solchen Bündelungen von …

Kluge: Pensionsfonds verwalten. Das ist Verwaltung.

Negt: … und bedeutet, es wird abgeräumt gewissermaßen ein Bereich. Und dann ziehen die weiter, und räumen andere Bereiche … Es ist eigentlich ein antikapitalistisches Prinzip, weil es nichts Beständiges erzeugt. Sondern die Bewegung der Fusionen und des Aufkaufens nimmt eine Selbstständigkeit an.

Kluge: … Resteverwertung. Es ist nur ein Teilaspekt.

Kluge: Wenn man nimmt den Löwen, ein mächtiges Tier. Wäre das irgendwie in einem Vorstand brauchbar?

Negt: Naja, ich meine insofern als eine gewisse Sättigung … wenn der Löwe satt ist, legt er sich auf die faule Haut.

Kluge: 23 Stunden schläft er, eine Stunde schließt er sich der Jagd der Löwinnen an, und nimmt Teil an deren Mahl.

Text: Prof. Dr. Oskar Negt, Soziologe

Negt: So richtig kann man sich das nicht vorstellen. Es ist ja so, dass diese Form des modernen Kapitalismus in der Fragmentierung von Zeit und Raum besteht. Insofern ist eigentlich die Unbeständigkeit ein wesentliches Element dieser Form des Kapitalismus. Das heißt so wie Joseph Schumpeter, dieser große ökonomische Theoretiker, das bezeichnet hat: Die Kraft der Zerstörung des Alten und der Herstellung neuer Kombinationen. Schöpferische Zerstörung ist im Augenblick im Schwange, und gilt wohl als das, was man einen gelungenen unternehmerischen Menschen bezeichnet.

Text: Joseph Alois Schumpeter

Kluge: Der das kann.

Negt: Der das kann.

Kluge: Ohne mit der Wimper zu zucken.

Negt: Er muss kalt sein.

Kluge: Er darf aber nicht zu viel hinzufügen. Er muss sozusagen seitlich stehen von diesem Prozess. Denn wenn er beschuldigt wird, er habe ihn ausgelöst, so wie der liebe Gott, dann geht zu viel Energie gegen ihn.

Negt: Er muss das Gefühl, das öffentliche Gefühl erwecken, dass er nichts weiter macht, als objektive Gesetze zu befolgen. Das heißt also nicht, dass er definiert, was diese objektiven Gesetze sind. Deshalb spricht man heute ganz ungeniert davon, dass auch die Manager Getriebene sind. Das heißt, sie begreifen sich als Medien von objektiven Globalisierungsgesetzen und haben deshalb eigentlich auch keine moralische Verantwortung für das, was sie anrichten, mit Arbeitslosigkeit und was dazu gehört. Das ist eine ganz gefährliche Tendenz im Augenblick im Kapitalismus.

Kluge: Aber praktisch mit einem Tier ist das gar nicht so einfach zu vergleichen.

Negt: Nein. Ich glaube, das Instinktverhalten, das …

Kluge: Was die Evolution hervorgebracht hat an Raubverhalten, ist eigentlich immer zu sättigen, und geht über das, was es zur Ernährung braucht …

Negt: Und wenn es bloße Tötung ist, dann ist das auch für die Betreffenden nicht besonders produktiv. Weil die Reaktionen auf dieses bloße Töten gefährlich sind.

Kluge: Beim Marder und Hermelin meinetwegen. Im Königsmantel ist der Hermelin enthalten. Aber das ist ein Raubtier, das tötet auch, wenn es keinen Hunger hat. Das ist so abgerichtet. Und vernichtet gewissermaßen das, wovon es lebt. Und das wäre in einem Vorstand ganz schnell abgewählt, beseitigt. Es ist ja überhaupt so, dass das moderne Raubtier, das wir suchen, eine sehr kurze Lebenszeit hätte. Denn, sagen wir mal, zwölf Jahre braucht es um aufzusteigen bis zur Spitzenposition, dort kann er sich vielleicht drei Jahre halten. Und danach sind die Nachfolger schon so weit, dass der Absturz stattfindet.

Negt: Und die Fallhöhe ist sehr hoch. Man sieht das ja an Peter Hartz. Mit einer solchen symbolischen Verbreitung seines Namens und des Absturzes nach unten. Das heißt also, je höher die Positionen sind, die erreicht werden, desto gefährlicher ist diese Position. Desto bedrohter auch durch eine Art Raubtierverhalten des ganzen Umkreises, der mit gesetzt ist.

Kluge: Weswegen jemand, der offenkundig raubtierähnliche oder bissige Charaktereigenschaften hat, der beißt, der würde schon aus Vorsichtsmaßnahmen von seinen Oberen, von seinen Cousins, also den Seiten, und von unten früher oder später eliminiert. Er muss also im Grunde doch durchaus durchschnittlich aussehen.

Negt: Naja, es ist ja im Grunde ... Das, was Unternehmertum heute ist, unterscheidet sich ja radikal von dem sogenannten rheinischen Unternehmertum. Gewissermaßen die Rendite, die Gewinne zur Stabilisierung des Unternehmens, zur Sättigung des Unternehmens, und zur allmählichen Ausweitung des Unternehmens zu benutzen, ist ja heute einer Tendenz gewichen: Die Gewinne von heute sind die Investitionen von morgen und die Arbeitsplätze von übermorgen, gilt überhaupt nicht mehr. Die Gewinner von heute sind die Arbeitslosen von morgen. Und das wird auch sehr deutlich ausgedrückt. Und das ist ja ein Verhalten, was dem klassischen kapitalistischen Unternehmer völlig widerspricht. Also jeder große Manager, ob es der Siemens-Manager, oder der Zetsche oder so ist, treten auf als Innovatoren, die erstmal sagen: Das, wesentlich, was die anderen gemacht haben, meine Vorgänger, ist nicht richtig. Das heißt, sie müssen sich als Neuerer präsentieren und deshalb auch vergessen, was die anderen geleistet haben.

Text: Der Typ des NEUERERS

Kluge: Und so ein Neuerer sagt, die Arbeitskraft, die hier vorhanden ist, will ich zum Teil nicht. Gebiete Afrikas, die so nicht zahlen, wie ich mir das vorstelle, oder wie das Unternehmen das braucht, wie es den Gesetzen des Weltmarkts entspricht, die muss ich einfach aus meinem Blickfeld auslassen.

Negt: Das ist ja auch der Fall. Afrika war vor 10 Jahren noch mit etwa 8 Prozent am Welthandel beteiligt; ist jetzt auf 0,3 Prozent geschrumpft, also völlig abgekoppelt vom Weltmarkt.

Kluge: Ein solches Raubtier, ein ökonomisches Raubtier, beißt nicht, frisst nicht, sondern lehnt das Fressen ab. Und überlässt dadurch Teile der Welt sich selbst, koppelt sie ab. Durch Ausgrenzung gefährlicher als durch jedes Verschlingen. Also eine Art negatives Raubtier. Denn Vergesslichkeit ist ja das Gegenteil von instinktgemäßer Zuspitzung. Kein Tier in der Welt lebt davon, dass es seine Beute vergisst. Ich ändere mein Beuteschema.

Text: DER MENSCH ALS RAUBTIER / Oskar Negt über die NEUE ETHIK in der Ökonomie

Negt: Und das betrifft jetzt den einzelnen Menschen auch. Wie mal Jeremy Rifkin sagte: Es ist schlimm, wenn die Menschen ausgebeutet werden. Aber es ist schlimmer, wenn sie selbst für Ausbeutung nicht mehr benötigt werden. Wenn die Armee der dauerhaft Überflüssigen wächst.