Transkript

Text: Karl Kraus nannte Lehárs LUSTIGE WITWE eine "Gehirnschande" / Das berühmte Stück, geschrieben 1905, besitzt jedoch einen MÄRCHENHAFTEN KERN, der den Welterfolg erklärt / Es geht um den Sturz einer ehemals mächtigen Männergesellschaft, wie er 1914 Wirklichkeit wurde, und den Aufstieg einer selbstbewußten Frau / Der Sozialforscher und

Philosoph Oskar Negt berichtet --

Text: DIE GESCHICHTE VOM VERKRACHTEN MANN UND DER TRAUM-FRAU / Oskar Negt über DIE LUSTIGE WITWE

Alexander Kluge: Im Jahr 1905 war im Dezember Premiere einer Operette. "Die Lustige Witwe" von Lehár. Drei Librettisten, ein Komponist. Danach durchzieht die als Siegeszug Europa und die Welt. An manchen Tagen 400mal auf der Welt gleichzeitig aufgeführt.

Text: Die Schöpfer der "LUSTIGEN WITWE"

Oskar Negt: Ja. Eine der erfolgreichsten Operetten und musikalischen Darbietungen überhaupt.

Kluge: Tantiemenschwer. Lieblingsoperette Hitlers, aber auch von vielen anderen. Man darf ja eigentlich nicht – wenn ein Publikum eine solche Entscheidung trifft wie bei der "Fledermaus" oder der "Lustigen Witwe", ist es ja eigentlich hochmütig zu sagen: Alle spinnen. Das sind sehr große Mehrheiten, und man denkt doch irgendwie – oder wir beide denken –, da muss man irgendwie nachgucken. Das muss einen Grund haben.

Negt: Ja, und man darf sich nicht so verhalten wie Karl Kraus, der gesagt hat: Die "Lustige Witwe" ist eine Gehirnschande. Das ist glaube ich eine hochmütige Feststellung. Das würde auch den Geschmack und die Vorlieben eben eines so breiten Publikums ...

Kluge: Selbst wenn das ein selektiertes Publikum ist. Man kann sagen, in manchen Gesellschaften ... also ich würde sagen, in Bangladesch ist es nie aufgeführt worden.

Negt: Es hat ja diesen europäischen Zuschnitt. Und da ist es glaube ich also allenfalls in pervertierter Form nach Amerika zu übertragen.

Text: Was ist der Inhalt von diesem Stück?

Kluge: Was ist der Inhalt von diesem Stück?

Negt: Naja, es geht um eine Liebesgeschichte und eine Staatsaffäre, eine Finanzaffäre eines Staates –

Kluge: Der Staat ist bankrott.

Text: Oskar Negt

Negt: Pontevedro nennt er sich, ist ganz klar entzifferbar als Montenegro, ein Kleinstaat ...

Kluge: Das 1905 gerade seine Unabhängigkeit erstmals erreicht, was erst im Jahr 2006 dann wieder geschieht.

Text: Montenegro, unabhängig 1905 (erneut unabhängig 2006)

Negt: Und dieser Staat steht vor dem Bankrott. Es ist eine reiche Witwe, die ihr Geld möglichst in diesem Staat lassen soll. Deshalb geht es darum, ihr einen Mann zu verschaffen, der nicht Ausländer ist, sondern zu diesem Staat gehört, damit dieser Reichtum die Staatsfinanzen mit sanieren kann. Und da gibt es jetzt diese Geschichte, dass in der Gesandtschaft in Paris ein großes Fest zu Ehren des Landesfürsten gemacht wird und vor allen Dingen verdeckt werden soll, dass der Staatsbankrott vor der Tür steht, und sie im Grunde jetzt umworben ist von jungen Leuten, nicht nur wegen der Liebe, sondern auch wegen des Reichtums. Und der Gesandte Zeta, namens Mirko Zeta veranstaltet alles, um so eine Art Heiratsvermittlung zustande zu bringen. Das ist eigentlich so die Grundstruktur, und da tritt jemand auf, Danilo, der ursprünglich diese Frau, diese Witwe, diese Glawari, als junges, aber armes Mädchen nicht heiraten konnte, weil er Graf ist und das wäre eine standesungemäße, oder nicht standesgemäße Heirat.

Text: Graf DANILO - HANNA GLAWARI

Kluge: Er hat auch keine standesgemäße andere geheiratet.

Text: DANILO im Maxim

Negt: Nein. Er hält sich lieber im Maxim auf, also in so einem Club, also ein Club, wo im Übrigen alle, diese ganze Gesellschaft sich bewegt. Und der wird jetzt durch Staatsbefehl aus dem Maxim geholt und soll sich an diese ...

Text: Alexander Kluge

Kluge: Verführer sein.

Negt: Ja, Verführer sein ... an diese Witwe heranmachen. Es ist eigentlich eine ziemlich alberne Klamotte, wenn man so will.

Kluge: Aber jetzt gibt es zwei zentrale Stellen, das heißt musikalisch, einmal "Es waren zwei Königskinder" ...

Negt: Wird gesungen, ja.

Kluge: Und es gibt eine zweite Märchenanspielung. Und eigentlich sollen diese beiden, dieses ungleiche Paar will zueinander. Die Hanna Glawari hat ja einen Reichen geheiratet ...

Text: HANNA GLAWARI, Nadja Michael

Negt: Der gestorben ist.

Kluge: Der ist gestorben. Und ist im Besitz, momentan im Besitz –

Negt: Ja, in so einem großen Besitz, dass tatsächlich Staatsfinanzen saniert werden können.

Kluge: Einen Moment wirkt sie wie eine mächtige Frau. Und wie Susanna in "Figaros Hochzeit", Danilo Danilowitsch, Graf, kann man mit dem Grafen im "Figaro" vergleichen. Dann gibt es auch die zweite Ebene, das Buffo-Paar. Die Männer sind eigentlich durch die Bank Gigolos. Das heißt, die Liebe dient dazu, Geld an Land zu ziehen.

Text: GIGOLO = Unterhalter für allein ausgehende Frauen --

Negt: Jedenfalls ist das also eine Schicht, eine sehr wichtige Wirklichkeitsschicht in diesem ganzen Geschehen. Die sind hinter dem Geld her und die Liebe benutzen sie als Mittel, um an das Geld heranzukommen.

Kluge: Dies darf aber niemals zugegeben werden. Denn es ist gleichzeitig sozusagen Liebe auf märchenhafte Weise an Treue, an Hingabefähigkeit, an etwas Absolutes, etwas Unverkäufliches geknüpft. Das heißt, die Worte und die Taten fallen sehr extrem auseinander.

Negt: Und es benutzt jeder jeden als Mittel für irgendetwas. Für Intrigen, für Nebenbeziehungen in der Liebe. Das gilt auch für den Gesandten Zeta, dessen Frau also angebändelt hat mit einem anderen.

Kluge: Es ist schon eine anständige Frau, beginnt die Beziehung mit dem dritten. Und dann endet sie im Pavillon. Die kommen in den totgesagten Pavillon oder so, wie es heißt.

Negt: Aber die Schwierigkeit jetzt bei dieser Geschichte, und warum die so viel Fantasie erregt hat und viele Menschen fasziniert hat ... Das Ende ist ja, also dieser unmittelbaren Geschichte besteht ja darin, dass dann tatsächlich so etwas wie eine neue Liebesbeziehung zwischen Danilo und der Glawari möglich wird und jetzt die Frage des Geldes dazwischen steht. Also ...

Kluge: Jetzt liebt er sie doch. Und da kann er nicht als Gigolo auftreten.

Negt: Und jetzt versucht Hanna ihm einzureden, dass das Geld keine Rolle spielt, denn der verstorbene Ehemann hätte im Testament festgelegt, falls sie neu heiratet, geht das Geld verloren. Jetzt steht er also in der Schwierigkeit – also, reicht die Liebe aus?

Kluge: Also, er erfüllt seinen Auftrag, das Geld im Lande zu halten, dann nicht.

Negt: Nein, er erfüllt den Auftrag nicht.

Kluge: Aber kann seiner Liebe folgen.

Negt: Er folgt seiner Liebe jetzt, ohne dieses Geld zu bekommen und dann sagt sie ihm, nein, sie hätte ihn getäuscht. Es wäre so, und das ist diese ganze Machosache, die in dieser Operette drin ist: Ihr gestorbener Ehemann hätte verfügt, dass, wenn sie wieder verheiratet wird, das Geld an den neuen Ehemann geht – was mir einigermaßen unverständlich ist.

Kluge: Ja, aber jetzt ist sozusagen derjenige, der aus Liebe handelt, alles Geld ausschlägt, quasi das Vaterland nicht rettet – unrealistisch nach den Vorstellungen dieser Gesellschaft – der wird trotzdem belohnt.

Negt: Er wird belohnt. So dass Glück und Geld offenkundig zusammenkommen.

Kluge: Wieder zusammenkommen. Und nach vielen märchenhaften Umwegen.

Negt: Aber die eigentliche Frage ist ja, warum das diese weltweite Bedeutung angenommen hat.

Text: Männer entkleiden sich moralisch --

Kluge: Aber wenn ... ich will mal versuchen, es dir so vorzuschlagen: Männer, denen ich nicht zusehe, wie sie sich entkleiden, sondern wie sie moralisch entkleidet sind, wie sie entmachtet sind. Zweitens: Frauen, die Macht aufbauen mitten im Machismus ... die Hanna ist ja unbeugsam.

Negt: Das ist richtig, ja.

Kluge: Das dritte ist: Ein Staatswesen ist bankrott. Es ist eigentlich alles verloren. Man ist nicht erst am Abgrund, man ist im Absturz. Eigentlich musste man diese Operette in Paris im Mai 1940 noch mal aufführen. Was übrigens geschah, mit französischem Text. Das hat etwa die Zeitstimmung.

Negt: Aber trotzdem, und dieses Signal, was da drin steckt in dieser Operette – gewissermaßen mehr Schein als Sein – also gewissermaßen zu scheinen. Überhaupt der Musikbedarf in dieser Zeit ja ungeheuer wächst, weil einfach die innere Zersetzung dieses Systems, dieses K&K-Systems eben doch auch fortgeschritten ist, und die Sensibilität gegenüber diesen Zersetzungen glaube ich eine große Rolle spielt, ist gerade der musikalische Ausdruck, sich nicht irritieren zu lassen von der Wirklichkeit, etwas, was eine Reaktion auch auf diese kaputte in sich eigentlich schon marode Wirklichkeit darstellt. Gerade was die Männerwelt betrifft.

Kluge: Wie es in der "Fledermaus" heißt: Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist. Könnte man hier einfügen als Zwischenaktsmusik.

Negt: Und das Bemerkenswerte ist, dass es eben 1905 ist. Also 1905, die russische Revolution, der Tigersprung nach Tanger ...

Kluge: Also der Konflikt Deutschland-Frankreich, der schon gefährlich ist.

Negt: Es deuten sich Konfliktlinien für den Ersten Weltkrieg an.

Kluge: 1905 ist der Schlieffen-Plan geschrieben, also wie man endgültig Frankreich niederdrückt.

Negt: Also insofern sitzt die gewissermaßen wie auf einem Vulkan, diese Operette und drückt offenkundig auch sehr viele Gefühle der Verdrängung aus, also was in Wirklichkeit passiert.

Text: Ein Film von Erich von Stroheim

Kluge: Und jetzt gibt es einen Film in den 20er Jahren, von Erich von Stroheim inszeniert, der diese Geschichte noch mal wieder erzählt. The Merry Widow. Und da sieht man eigentlich eine völlige Änderung der Handlung. Also das meiste von dem, was wir jetzt gesagt haben, kommt gar nicht vor. "Merry Widow" beschreibt die Karriere eines jungen amerikanischen Mädchens, einer Entertainerin, einer Tänzerin aus Boston, die in Mitteleuropa Erfolge feiert auf der Bühne. Und ihr wird nachgestellt in den Hinterzimmern des Theaters von ...

Negt: ... ja, Paris, nehme ich an, das Klima von Paris – aber es kann auch jeder andere Ort sein ...

Kluge: Wo Offiziere vorkommen.

Negt: Wo Offiziere sich versammeln und vergnügen und ...

Kluge: Die Offiziere sehen so aus, als kämen sie direkt aus der Konterrevolution. Russische Uniformen hat Erich von Stroheim nachempfunden. Er hätte auch Preußen machen können, aber das sieht anders aus.

Negt: Nein, das sind schon also irgendwie osteuropäische Uniformen. Natürlich auch, also was weiß ich, pontenegrinische Uniformen könnten das sein.

Kluge: Monteblanco heißt es hier, aus urheberrechtlichen Gründen ... von Weissberg.

Negt: Aber es wird hier offenkundig eine Offiziersclique also vorgeführt in ihren konkreten Verhaltensweisen und in ihren nicht mehr militärischen, sondern in ihren Alltagsbeutezügen.

Text: Erich von Stroheim (1885-1957)

Kluge: Also Erich von Stroheim, jemand der noch 1940 Filme macht gegen Hitler in Frankreich, der sicher persönlich kein Militarist ist, kommt aus dem ersten Weltkrieg aus der Gegend von Galizien, ist bürgerlicher Herkunft, und nennt sich von Stroheim. Ist ein angenommener Name, aber der ein Begriff ist, und er ist jetzt der Spezialist, um dem ... gewissermaßen dem bösen Militär ...

Negt: Und sie sehen alle so aus, als ob sie also ihren eigentlichen Auftrag also verloren haben. Und das Operettenhafte, das ist ja ein Stummfilm, also man muss sich die Musik ja vorstellen. Das Operettenhafte besteht in ihren Uniformen, in ihren komischen Uniformen mit Stiefeln und mit Epauletten, mit breiten Epauletten, ihren Gesichtsausdrücken. Und diese ganze Operettenhaftigkeit, die Ausstattung ist so, dass sie im Grunde eigentlich nicht mehr richtig kämpfen können.

Kluge: Zumindest können sie ein Land, als geborene Konterrevolutionäre, nicht mehr für sich okkupieren. Wir können keine fremden Länder erobern. Und jetzt wollen sie Frauenherzen und Bankkonten erobern.

Negt: Weil ich meine, in dem ganzen Film fällt ja eigentlich so kein politisches Wort also oder ein Kommando. Was nur sichtbar ist, ist die Hierarchie, also die beachtet wird, die Symbole, die hierarchischen Symbole als Restbestände also dieses militärischen Auftrags.

Kluge: Wie sieht sowas aus? Also auf Parkett gehen die mit Stiefeln. Und diese Stiefel sind ja eigentlich nur für Gelände und Reiten geeignet.

Negt: Ja, und auf dem Parkett rutscht man vielleicht sehr leicht mit so Schuhen aus.

Kluge: Man beschädigt auch das Parkett. Also ein Türke würde das nicht machen.

Negt: Nein. Man könnte besser in Pantoffeln herumlaufen auf dem Parkett.

Kluge: Der zweite sind diese Breeches, das heißt also ...

Negt: Der weitere Schritt.

Kluge:  ... hat sozusagen erweiterte Schenkel, wie sie übrigens Säugetiere so nicht haben. Dann gibt es das Monokel. Würdest du ein Monokel tragen? Also ein Auge verstärkt, damit du blitzen kannst? Ein Auge sieht scharf, das andere nicht.

Negt: Ich habe das nie verstanden, warum man also dieses eine Auge nur verstärkt, weil ich glaube, das ist eine Verzerrung auch der Wirklichkeitswahrnehmung. Eine Einschränkung der Dimensionen ist das ja.

Kluge: Mit dem einen bin ich kurzsichtig, mit dem anderen bin ich weitsichtig, so ungefähr.

Text: Oskar Negt

Negt: Vielleicht ist das so raubtiermäßig nachgeahmt. Es ist ja so, dass die Bussarde und die Adler gewissermaßen einstellen können: Fernsicht, Übersicht und präzise Sicht auf ein einzelnes Tier, das sich bewegt. Vielleicht ist da so ein Symbolgehalt mit drin.

Kluge: Hier, Erich von Stroheim hat ihnen eine starke Arbeit des Gebisses gegeben. Vor allem der üble Prinz, der üble Bewerber, der Rivale.

Negt: Der kommt mit so einer vorgeschobenen Beißhaltung.

Text: Rivalen / Das Duell

Kluge: Er zeigt Zähne. Diese Rivalen um diese Tänzerin kommen ja, fordern sich gegenseitig. Und sie bittet, weil sie für das Leben des geliebten Danilo fürchtet, diesen, doch nicht den anderen zu erschießen – denn dann wird auch er nicht erschossen. Und so schießt er in die Luft, weil er glaubt, sie liebe den anderen. Und der andere erschießt ihn aber.

Negt: Er verletzt ihn.

Kluge: Verletzt ihn schwer, will ihn aber töten. Der ist gnadenlos. Ist ja eigentlich von Ehre keine Rede. Es ist eigentlich keine Moralität überhaupt in dem Ganzen, außer bei der jungen Frau.

Negt: Also in diesem Fall, dem Stroheim-Film, mit der Tänzerin.

Kluge: Macht die Hanna Glawari noch etwas glaubwürdiger.

Negt: Glaubwürdiger, ja. Denn ich meine, sie ist ja wirklich hier, die Tänzerin ist ja nicht sehr von Sprache und Ausdruck umgeben. Sie ist ja eher immer das umkreiste Opfer. Sie ist ja nicht wirklich autonom, wie die Hanna Glawari in der "Lustigen Witwe." Sondern sie ist begehrt, sie ist umkreist, und ist einfach irgendwie eine Eroberungsbeute.

Kluge: Zuletzt, sagen wir mal, im Höchststatus einer Krankenschwester für den verletzten Danilo. Immerhin ist von Stroheim auch eingebracht: Kaum ist der Kronprinz, der ihr nachstellt und der jetzt hier seinen Rivalen im Duell unehrenhaft zu erschießen suchte – kaum ist der König geworden und gekrönt, ist ein Anarchist hier aus dem Jahre 1905. Und mit Trommelrevolver erschießt er hinterrücks den Souverän. Dadurch macht er für die Liebe der anderen beiden die Straße frei.

Negt: Und da sammelt natürlich von Stroheim also auch so Elemente. Das hat ja bestimmt etwas auch mit dem Attentat in Sarajevo zu tun. Also Elemente, in denen ...

Kluge: ... vorgesetzte Gefühle sind. Es ist eigentlich sozusagen Ausstellungswert, Dekorationswert der einzelnen Szenen so aneinandergehäuft, dass zusammen ein wertvolles Geschehen entsteht.

Negt: Und ich meine, das ist ja ... der Film ist wann entstanden? In den 20er Jahren, '23 ... also sagen wir mal, auf dem Höhepunkt in Deutschland der Inflation, also eigentlich eines ruinierten Gesellschaftsbetriebes in vielen europäischen Ländern, und der depositierten enteigneten Offizierskasten, die sich eigentlich nur noch in solchen Etablissements bewegen, in Bordellen, Edelbordellen, und da ihre Kriege fortsetzen.

Kluge: Der Bankier, der alte Mann, der hier im Theater, so wie als wärs in einem Roman von Balzac, auftritt und diese eine Tänzerin als sein Lebensziel sieht. Er gibt sein ganzes Vermögen, sagt er, für ein Souper mit ihr. Er entzückt sich ja zunächst mal an den Schuhen. Er ist ein Schuhfetischist. Und er ist im Moment verwirrt, als er die Schuhe von einer anderen Tänzerin sieht ...

Negt: ... sieht, und nicht so ganz weiß, ob das vielleicht auch geht.

Kluge: Dann kann er sehr schnell wieder erkennen, es ist nur die eine. Und der stirbt an einer Hochzeitsnacht, so wie Attila übrigens in Verdis Oper, an der zu jungen Geliebten. Sind eigentlich alles Details, wie Nummern aneinander gehäuft. Nummern aber schneller als in der "Zauberflöte" von Mozart wechseln.

Negt: Ja, weil da eigentlich nichts richtig ausgetragen ist. Davon abgesehen, dass es ein Stummfilm ist, ist eigentlich ... die sprachliche Dauer der Auseinandersetzung fehlt. Insofern sind die Szenen beschleunigt, treffen beschleunigt aufeinander, passen manchmal auch nicht richtig aufeinander.

Kluge: Und der Wert einer Szene ist eigentlich das Vorwissen der Zuschauer, dass sie es schon kennen, dass sie es in irgendeinem Märchen gesehen haben oder sich gewünscht haben als Handlung. Das ist eigentlich der Werteindikator. Darin nimmt Stroheim eigentlich das sehr ernst. Und das ist wiederum die Erlaubnis, dass er seinen Obsessionen, also so degenerierte Männerbilder machtvoll zu zeigen, ein letztes Freikorpsflimmern alter Männlichkeit, alter Offiziere. Da nimmt er die Erlaubnis, das darzustellen, was ja in Amerika unbekannt ist.

Text: Hitler besucht die LUSTIGE WITWE

Negt: Und man kann sich das ja sehr gut vorstellen, wenn man das jetzt geschichtlich wendet, dass diese Cliquen, wenn sie dann wirklich wieder gesellschaftlich sinnvolle Aufträge bekommen – und wenn es nur die Eroberungen anderer Länder sind – sehr bereitwillig also aus dieser Leere, in der sie stecken, rauskommen wollen. So ist es ja auch gelaufen, als Hitler dann 1936 sagt, also die Reichswehr hat beantragt, meinetwegen fünf Milliarden. Ich akzeptiere das Angebot nicht, es müssen 50 Milliarden sein. Da wachen die wieder auf und waren nützliche Mitglieder der Gesellschaft. Kann man sich vorstellen.

Kluge: Und 1941 kommen ehemalige russische Offiziere, im Baltikum und auf der Krim gedient, auch wieder in die deutschen Reihen.

Text: DIE GESCHICHTE VOM VERKRACHTEN MANN UND DER TRAUM-FRAU / Oskar Negt über DIE LUSTIGE WITWE

Negt: Ja genau. Ich meine, das ist so ein ganz anderer Zusammenhang bei von Stroheim, also mit der "Lustigen Witwe," es sind eben nur so Facetten übernommen, aber es ist doch ein sehr interessantes Stück Filmgeschichte, in dem dargestellt wird ...