Transkript

Text: In der Reihe: 200 Jahre Französische Revolution

Text: „Was sieht man?“

Text: Tod des Marat und andere Bilder aus der Zeit nach 1789, erläutert von Oskar Negt - -

Alexander Kluge: Marat. Man spricht viel von Marat. Wer ist das?

Oskar Negt: Nun, der Marat tritt immer als einer dieses Triumvirats der Personen auf, die die Französische Revolution kennzeichnen sollen. Und er ist ganz zweifellos derjenige, der die engste und intimste Beziehung zu den sozialen Problemen hat. Zu den Plebejern, zu den Leuten, die …

Kluge: Also, Danton, Robespierre …

Negt: Danton, Robespierre, Marat. Also in dem Sinne eher der soziale Revolutionär, den eigentlich so sehr dieses ganze Spiel, dieses Nationalversammlungs- und Konventsspiel, was ja auch eine Wiederbelebung des Römischen Forums und der Griechischen Agora ist, nicht so furchtbar interessiert.

Kluge: Sondern er hat Zeitungen, Volksversammlungen …

Negt: Mit Zeitungen, Volksversammlungen, der also auf Versammlungen direkt gesprochen hat. Viel mehr als Robespierre. Robespierre ist ja immer der Konvent, und die Nationalversammlung, und der Jakobinerclub. Während Danton auch viel vor den Massen gesprochen hat. Ist hier Marat zweifellos der Sozialrebell. Und repräsentiert damit auch eine sehr wesentliche Bewegungsrichtung dieser Französischen Revolution.

Kluge: Als sehr unangenehm und denunziatorisch. Als Ankläger.

Negt: Ich meine, das ist natürlich so ein Problem. Das ist auch Robespierre gewesen, und das ist auch Danton gewesen. Aber Marat hat hier in einer bürgerlichen Revolution auch, wie soll man sagen, den Beigeschmack des Proleten. Ihm werden auch Tugenden angedichtet, die so mit der historischen Figur des Marat nicht verbunden sind. Ich bin nicht so sicher, ob nicht die Geschichte Marats schon einen Bericht darstellt von einer unterdrückten Komponente der Französischen Revolution.

Kluge: Das ist also eine Gegenpropaganda schon zu Lebzeiten.

Negt: Schon zu Lebzeiten. Schon zu Lebzeiten.

Kluge: Und alles, was man original wissen kann von ihm, ist überschattet durch eine Legende, durch eine Geschichte, durch den Tod.

Text: Oskar Negt

Negt: Ja, durch den Tod. Durch die Ermordung. Die Ermordung einer Frau, Charlotte Corday … Wie dieser Tod zustande gekommen ist, weiß man sehr genau. Aber was für Ursachen und Gründe er hatte, weiß man nicht. Man weiß ein bisschen über diese Charlotte Corday, dass sie aus einer etwas frömmelnden Familie kommt. Dass sie ein Kind ist, das sehr früh ihre Mutter verliert. Man weiß nicht, ob sie so genau darüber Bescheid weiß, was sie tut. Es ist eine tragische Situation, die ja auch einen Dichter eben wie Peter Weiss herausgefordert hat, diese Ermordung zum Gegenstand zu machen. Und möglicherweise ist da doch vieles nachträglich authentischer, als das, was in der offiziellen Geschichte geschrieben wird.

Text: Charlotte Corday und ihr Messer - -

Text: Sie kommt herein / Marat sitzt im Bad - -

Text: „Ich bringe eine Liste von Verdächtigen - -“

Text: „Schließe den Vorhang, ich will nicht gestört werden!“

Text: Marat, in seinem Bad erstochen - -

Text: Charlotte Corday wird verhaftet - -

Text: Beschreibung nach: Jules Michelet, Geschichte der Französischen Revolution, 7 Bände, Paris 1847 –

Negt: Also, „Zunächst hatte sie keine Mutter. Die starb frühzeitig; sie kannte nicht die Liebkosungen einer Mutter; ihr war in ihren ersten Jahren die süße Muttermilch versagt, für die es keinen Ersatz gibt,“ schreibt er hier. „Die Seele der jungen Charlotte suchte zunächst Zuflucht in der Frömmigkeit. Sie liebte besonders zwei Fräulein, adelig und arm wie sie. Sie erhielt auch flüchtige Kenntnisse von den Dingen. Ihre wahren Freunde wurden die Bücher. Was mehr als alles andere Charlotte Corday auffällig und unvergesslich machte, war, dass diese kindliche Stimme einer ernsten Schönheit gehörte, die in ihrem Ausdruck männlich, obgleich in ihren Zügen zart war. Die Girondisten hatten keinen Einfluss auf sie …“

Kluge: Die Girondisten hatten …. Wer hatte … ?

Negt: „Die Girondisten hatten keinerlei Einfluss auf sie.“ Mal sehen, hier … „Dieser Gegensatz hatte die doppelte Wirkung, zu verführen und Achtung einzuflößen. Man sah sie an, man näherte sich ihr; doch irgendetwas in dieser Menschenblume machte die Kühnen schüchtern; etwas, das nicht aus der Zeit stammte, sondern aus der Unsterblichkeit. Dahin ging sie, und die wollte sie. Sie lebte schon unter den Helden in Plutarchs Elysium, unter denen, die ihr Leben hingaben, um ewig zu leben. Die Girondisten hatten keinerlei Einfluss auf sie. Die meisten waren, wie wir gesehen haben, nicht mehr sie selbst. Zweimal sah sie Barbaroux als Abgeordneten der Provence …“ Und so weiter …

Kluge: Und dann wurde sie hingerichtet?

Negt: Sie wurde hingerichtet, ja. Aber das weiß ich jetzt nicht so genau.

Kluge: Aber es wurde nie klar, ob sie jetzt eine Royalistin war, oder warum sie den getötet hat.

Negt: „Nach der Aufhebung suchte sie, da ihr Vater wieder verheiratet war, Zuflucht bei einer alten Tante, Frau Breteville. Und dort fasste sie ihren Entschluss. Fasste sie ihn ohne Schwanken? Nein. Eine Zeitlang wurde sie von dem Gedanken an ihre Tante zurückgehalten. Diese gute alte Dame, von der sie aufgenommen wurde, und der sie dafür mit den größten Unannehmlichkeiten danken wollte. Ihre Tante überraschte sie eines Tages, als sie eine Träne im Auge hatte. Ich weine, sagte sie, über Frankreich. Über meine Eltern und über Sie. Wer ist, solange Marat lebt, seines Lebens sicher? Sie verschenkte ihre Bücher, mit Ausnahme eines Bandes Plutarchs, den sie mit sich nahm. Auf dem Hofe begegnete sie dem Kinde eines im Hause wohnenden Arbeiters; sie schenkte ihm ihre Zeichenmappe, gab ihm einen Kuss und ließ noch eine Träne auf seine Wange fallen. Zwei Tränen, damit hatte sie der Natur genug getan. In diesem sonnigen, von einer fröhlichen Menge belebten Garten, unter den Augen der Kinder suchte und fand sie einen Messerhändler, und kaufte für 40 Sous ein frisch geschliffenes Messer mit Ebenholzgriff, das sie in ihrem Brusttuch verbarg. Nun war sie im Besitz ihrer Waffe. Wie würde sie sie gebrauchen? Sie wollte der Vollstreckung des Urteils, das sie über Marat gefällt hatte, eine große Feierlichkeit verleihen. Ihr erster Gedanke, den sie schon in Caen hatte, den sie sorgsam hegte und mit nach Paris brachte, war eine ergreifend dramatische Szene zu schaffen. Sie wollte ihn auf dem Marsfeld niederstoßen vor allem Volke, im Angesicht des Himmels; bei der Feier des 14. Juli, am Jahrestage des Untergangs des Königtums wollte sie diesen König der Anarchie strafen. Sie hätte als wahre Nichte Corneilles buchstäblich die berühmten Verse Cinnas befolgt.“

Kluge: Welche?

Negt: „Er opfert morgen auf dem Capitol …“ Ich lese es mal deutsch, das ist die deutsche Übersetzung … „Er opfert morgen auf dem Capitol. Er selber soll Opfer sein. So rächen wir im Angesicht der Götter eine Welt an ihm.“ Sie hat irgendwie sich als Werkzeug, Mission …

Kluge: Eine heilige Johanna.

Negt: Frankreich retten. „Da das Fest vertagt wurde, änderte sie ihr Vorhaben, Marat an der Stätte seines Verbrechens zu strafen, an dem Ort, wo er, das Ansehen der Volksvertretung vernichtend, dem Konvent die Abstimmung diktiert, und die einen zum Leben, die anderen zum Tode bestimmt hatte. Sie hätte ihn mitten in der versammelten Montagne treffen mögen. Aber Marat war krank, er ging nicht mehr in die Nationalversammlung.“

Kluge: Jetzt kommt der Tag, an dem …

Negt: „Sie musste also in seine Wohnung gehen, ihn am häuslichen Herde aufsuchen und trotz der Wachsamkeit seiner beunruhigten Umgebung einzudringen trachten. Sie musste, eine peinliche Sache, mit ihm in Verbindung treten und ihn täuschen. Das allein wurde ihr schwer, verursachte ihr Zweifel und Gewissensbisse. Das erste Briefchen, das sie an Marat schrieb, blieb unbeantwortet. Da schrieb sie noch ein zweites, in dem sich eine gewisse Ungeduld, eine gesteigerte Leidenschaft bemerkbar machte.“

Text: Beschreibung von Marats Wohnung

Negt: „In den sehr dunklen Zimmern, die auf den Hof hinausblickten, standen alte Möbel, schmutzige Tische, auf denen man die Zeitungen faltete. Sie machten den Eindruck einer armseligen Arbeiterwohnung. Wenn man weiter hineinging, so überraschte ein kleiner Salon, dessen Fenster auf die Straße wiesen. Er hatte Damastmöbel in Blau und Weiß, zarte und gefällige Farben, schöne Seidenvorhänge und Porzellanvasen, in denen häufig Blumen standen. Offenbar wurde er von einer Frau bewohnt, einer guten, aufmerksamen und zärtlichen Frau, die dem aufreibender Arbeit gewidmeten Manne sorgsam die Ruhestätte bereitete. Da steckt das Geheimnis von Marats Leben, das später von seiner Schwester enthüllt wurde. Er war nicht daheim, er hatte kein Zuhause in dieser Welt. Marat kam nicht auf seine Kosten (seine Schwester Albertine spricht); eine edle Frau, die seine Lage rührte, hatte den Freund des Volkes bei sich aufgenommen und verborgen, als er von Keller zu Keller floh. Sie hatte ihm ihr Vermögen geopfert und ihre Ruhe für ihn hingegeben. Man fand in den Papieren Marats ein Heiratsversprechen für Catherine Évrard. Er hatte sie schon zu seiner Gattin gemacht, angesichts der Sonne und der Natur.“

Text: Oskar Negt

Kluge: Nicht vom Priester verheiratet, nicht vom Standesbeamten, sondern angesichts der Sonne und der Natur geheiratet.

Text: Kleidung und Erscheinung der Charlotte Corday

„Sie trug ein weißes Kleid, keinen anderen Luxus als den, der die Frau wohlgefällig macht, die Haubenbänder umflatterten ihre Wangen. Übrigens war sie keineswegs blass. Ihre Wangen waren rosig, ihre Stimme war sicher, ohne jedes Zeichen von Erregung. Sie hielt der wenig wohlwollenden Prüfung Catherines stand, die auf das Geräusch hin die Tür halb geöffnet hatte und sie am Eintritt hindern wollte. Marat hörte den Wortwechsel, und der Klang dieser vibrierenden, metallenen Stimme drang zu ihm. Er wich den Frauen keineswegs aus, und obwohl er im Bade war, befahl er gebieterisch, man solle die Dame eintreten lassen. Das Zimmer war klein und dunkel. Da Marat im Bade saß, mit einem schmutzigen Tuche bedeckt, und vor sich ein Brett hatte, auf welchem er schrieb, so waren nur der Kopf, die Schultern, und der rechte Arm frei. Seine fettigen Haare, die mit einem Taschentuch oder einem Handtuch umwunden waren, seine gelbe Haut und seine dünnen Glieder, sein großes Froschmaul gaben nur eine schwache Vorstellung davon …

Kluge: Das schreibt Michelet?

Negt: Ja. Froschmaul … was ist das?

Kluge: Was ist eine metallische Stimme?

Negt: Weiß ich auch nicht.

Kluge: Also sie hatte eine metallische Stimme. Und jetzt Froschmaul, sitzt im Bad.

Negt: „… gab nur eine schwache Vorstellung davon, dass dieses Wesen ein Mensch war.“ Das ist keine freundliche Beschreibung von Michelet. Obwohl es sonst doch sehr genau und sehr plastisch ist, scheint auch dieser Freund, Michelet, ein Freund der großen Französischen Revolution, doch diesen Marat als das zu sehen, als den ihn schon die Zeitgenossen bezeichneten, als einen Repräsentanten …

Kluge: Denunziatorisch, aggressiv, und so weiter …

Negt: Ja.

Kluge: Frauenliebhaber, also er verführt gerne Frauen. Zieht sie ins Badezimmer …

Text: Die Mordszene - -

Negt: „Sie hatte Nachrichten aus der Normandie versprochen. Er ersuchte sie darum und fragte besonders nach den Namen der nach Caen geflohenen Abgeordneten. Sie nannte diese, und er schrieb sie entsprechend auf. Als er zu Ende war, sagte er: Es ist gut. In 8 Tagen kommen sie auf die Guillotine.“ Sie, also diese Abgeordneten. „Charlotte, der diese Worte Kraft verliehen und ein Recht zuzustoßen, zog das Messer aus ihrem Busen und trieb es ganz bis ans Heft in Marats Herz.“

Kluge: Da war ja ein Brett, also hier kommt man nicht her, sondern hier rein…

Negt: So ist es auch gekennzeichnet in den Bildern. Hier, von oben.

Kluge: Durchs Schlüsselbein ins Herz. Hier oben.

Negt: „Der Stoß, der so von oben geführt wurde, und mit außergewöhnlicher Sicherheit traf, drang nah beim Schlüsselbein ein, durchschnitt die ganze Lunge, öffnete die Hauptschlagadern und entfesselte einen mächtigen Strom von Blut. Rasch herbei, liebe Freundin! Das war alles, was er sagen konnte, dann starb er.“

Text: Robespierres Hinrichtung

Text: Dantons Tod

Text: Das Schloß des Königs

Negt: Ja, wir haben hier also ein solches Bild von der Anlage von Versailles. Eben sehr linear, geometrisch geschnitten. Aber man kann nicht sagen, dass das alles jetzt organisiert wäre. Hier sind offenbar Flüsse oder Sümpfe, jedenfalls nicht befestigte Straßen …

Kluge: Sieht aus wie eine Baustelle.

Negt: Ja, sieht aus wie eine Baustelle. Aber offenkundig so gebaut, dass es hier konzentriert ist auf ein Zentrum, auf ein Herrschaftszentrum. Diese ganzen Herrscher haben ja immer die Idee gehabt, es muss irgendwo ein Zentrum sein, von dem Herrschaft ausgeht.

Kluge: Ein Zentrum, das verblüffend leer ist.

Negt: Ist verblüffend leer, aber für Repräsentationszwecke vielleicht geeignet. Also hier, diese Anfahrten, wenn man sieht, wie weit das doch so allmählich erst durch dieses Tor geht …

Text: Die Mühlen von Valmy / In der Schlacht von Valmy entscheidet sich das Schicksal der Revolution - -

Negt: Zwölf. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf.

Kluge: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. So. Bist rausgeflogen. Fünf. Zehn. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn.

Text: Revolutionsspiel, Insel-Verlag, Frankfurt 1989

Text: Szenen aus der Französischen Revolution - -

Text: Nach der Beschreibung von Jules Michelet, erläutert von Oskar Negt