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Text: Die Maxime der Aufklärung heißt SELBSTDENKEN / Man muß "den PROBIERSTEIN" der WAHRHEIT in sich selbst suchen" / Davon handelt Immanuel Kants Schrift von 1786 WAS HEISST: SICH IM DENKEN ORIENTIEREN? / Prof. Dr. Oskar Negt berichtet - -

Text: SELBSTDENKEN / Immanuel Kants Schrift: "WAS HEISST: SICH IM DENKEN ORIENTIEREN?"

Alexander Kluge: Immanuel Kant: "Was heißt: sich im Denken orientieren?" Das ist hier enthalten, "Schriften zur Metaphysik und Logik."

Oskar Negt: Ja. Es ist eine kleine Schrift von 1786, also eine vorrevolutionäre Schrift, aber eben doch eine Schrift, die nach der "Kritik der reinen Vernunft" kommt von 1781; in der er noch einmal die Frage stellt: Was ist eigentlich Orientierung? Woran kann man sich festhalten? Wo sind die Koordinaten für das, was Orientierung ist?

Kluge: Und er nimmt so ein Wort immer ganz wörtlich. Also orientieren, das heißt, ich kenne eine Landschaft nicht, und jetzt sehe ich den Sonnenaufgang im Osten. Folglich weiß ich, wo Süden, Norden, Osten, Westen sind.

Negt: Es ist immer ein sinnliches Element, also aufgehende Sonne, dann kann ich irgendwie meine Position lokalisieren, und selbst wenn ich mich also im spekulativen Raum bewege, wenn ich mit Gedanken arbeite, muss ich doch - das ist wohl ein wichtiger Punkt bei ihm - irgendwann auf eine Bildwelt zurückgehen, auf eine Vorstellungswelt, in der ich im Raum mich mit sinnlichen Gegenständen auseinandersetzen kann. So denkt er zum Beispiel, also in einem dunklen Raum und meinetwegen einem Fixstern vor mir kann ich mich nicht orientieren, wenn ich nicht rechts und links, also den linken Arm und den rechten Arm betätige.

Text: Oskar Negt, Philosoph

Kluge: Das bringe ich ein als Bild meines Körpers. Jetzt weiß ich die Richtung.

Negt: Die Selbsterfahrung meines Körpers ist auch wichtig. Deshalb sagt er ja auch, also es reicht nicht aus, ein objektives Verhältnis zu dem Sternenhimmel zu bekommen. Sondern ich muss noch etwas Subjektives hinzufügen, also eine Selbsterfahrung in Raum und Zeit.

Kluge: Und dieses beides, die Fähigkeit, den Verstand zu gebrauchen und Begriffe zu bilden, also zu sagen: Hier ist die Grenze von einer Sache, eines Stoffes, hier ist die Grenze eines Gedankens, darüber hinaus kann ich es nicht wissen. Und die taktile Berührung, die Erfahrung. Das sind die beiden Kerndinge, und die unterscheiden das Denken vom Schwärmen. Was nennt er Schwärmen?

Text: Was unterscheidet Denken vom Schwärmen?

Negt: Das Schwärmen ... sich im Übersinnlichen bewegen und spekulieren, ohne eine Wurzel in der sinnlichen Erfahrung zu haben. Das heißt, das Schwärmerische ist auch ein Teil eben einer Vernunftspekulation, und auch für den Menschen eine Art Bedürfnis zu träumen, zu fantasieren, im Überschwänglichen sich zu bewegen.

Kluge: Enthält aber einen Omnipotenz-Wunsch, das heißt, ein Gefühl, dass der Mensch allmächtig ist. Er kann auch, wie er sich ausdrückt, in der dicken Nacht des Übersinnlichen etwas verrichten. Das sagt Kant, kann er nicht.

Negt: Das kann man nicht. Nein, es ist eine Anmaßung der Vernunft, sich im Übersinnlichen zu bewegen ...

Kluge: Und zum Beispiel zu sagen, hier ist Gott und Teufel - Gott hat die Eigenschaft, oder aber auch, Gott gibt es nicht. Wäre genauso gut eine Bewegung im Übersinnlichen, eine Aussage, die Menschen nicht treffen können.

Negt: Ja. In diesem Übersinnlichen ist es möglich, sich auf Postulate, auf Forderungen zu

stützen. Sozusagen die Vernunft hat eigentlich das Bedürfnis doch nach einer Vorstellung von Gott, auch einer Vorstellung von Unsterblichkeit und Unendlichkeit. Alle diese Dinge klammerte er aus seinem Begriffs- und Orientierungssystem nicht aus. Aber er sagt, das sind keine Erkenntnisse.

Kluge: Das sind Bedürfnisse.

Negt: Das sind Bedürfnisse.

Kluge: Ich kann nicht leben ohne das.

Negt: Das Bedürfnis nach Gott, sagt er, ist kein Beweis seiner Existenz.

Kluge: Aber er sagt, es gibt einen Vernunftglauben, und Glaube ist etwas, das man

nicht verkauft. Weder in der Disputation, also weder gegen Argumente noch gegen Geld noch gegen irgendetwas.

Text: GLAUBE ist unverkäuflich!

Negt: Die Glaubensgewissheiten haben einen anderen Status. Die haben einen anderen ... das sind nicht Erkenntnisse, das sind subjektive Gewissheiten, subjektive Gewissheiten.

Kluge: Beziehungsweise Bedürfnisse, ohne die ich nicht leben kann oder will.

Negt: Ja. Und trotzdem ist die Grenze ... die kantische Philosophie besteht ja darin, eigentlich Grenzbestimmungen zu machen. Grenzbestimmung. Was ist das Ding an sich? Was ist Erscheinung? Das heißt, Entmischung der Begriffe ist ein wesentliches Element der "Kritik der reinen Vernunft." Und hier in diesem kleinen Artikel "Was heißt: sich im Denken orientieren?" will er noch einmal Grenzmarkierungen bestimmen, indem er sagt: Das ist beweisbar, das ist beweisbar, das ist Erkenntnis, das sind Postulate, das sind Gewissheiten, die mehr sind als bloße Postulate, sind Vernunftpostulate. Also die Grenzen und das Vermögen der Vernunft ist im Grunde das Thema. Und die Orientierungsgewissheit bei diesen Glaubensgewissheiten besteht eigentlich darin, dass ich am Ende doch mit meiner eigenen Vernunft redlich umgehe. Also das Redlichkeitsgebot, dass ich mir überlege: Ist das, was sich in diesen Bereichen der Schwärmereien, der Artistereien, und so weiter, sich bewegt, überhaupt vor der Vernunft zu rechtfertigen? Lässt sich das rechtfertigen, wenn ich das Vermögen der Vernunft nicht aufgebe?

Kluge: Und da sagt er, es gibt ein Bedürfnis nach Vernunft, das in den Menschen wohnt. Und sie werden - dass sie sich auf ihren eigenen Geist verlassen können; dass sie also Dinge für überprüfbar halten nach ihren Überlegungen und nach ihrer Erfahrung - das werden sich Menschen nicht ausreden lassen. Und dieses nicht weiter zu hinterfragen, das ist eine Gewissheit: Ich kann nicht leben ohne dieses Vorwärtsstreben des Geistes. Das ist doch im Grunde der Kerngedanke, wo er die Wurzel des Denkens sieht.

Negt: Ja. Und das bedeutet, dass jeder Mensch in diesem Umgang mit den verschiedenen Gemütskräften, wie er sagt, also die verschiedenen Gemütskräfte mit dem Begehrungsvermögen, mit dem Erkenntnisvermögen, und so redlich umgeht, dass sie nicht ineinander vermischt werden. Das Erkenntnisvermögen ist ...

Kluge: Dass sie einander nicht bekriegen. Dass der Bürgerkrieg der Gefühle durch ein Gleichgewicht aufgehoben wird, das Spontanität ermöglicht. Ist das so?

Negt: Jedenfalls die Kräfte so ausgewogen sind, dass sie dann sogar am Ende in der "Ästhetischen Urteilskraft" eine Art harmonische Ausgewogenheit entwickeln.

Kluge: Eine Art Verfassung. An einer wichtigen Stelle sagt Kant hier in seinem Aufsatz, dass, wenn man das Schreiben und Reden verbietet, aber zum Beispiel sagt, was einer im Herzen denkt, das ist polizeilich nicht verboten. So etwa Friedrich II. Dass das eine vollkommen verquere Idee ist. Weil, wenn ich mich nicht austauschen kann, dann sind meine Gedanken, die ich alleine habe, auch nichts wert. Denken ist ein kollektiver Prozess, eigentlich das Gemeinschaftlichste, was die Menschheit überhaupt kann.

Negt: Das ist richtig, und deshalb ist natürlich auch die Freiheit der Feder das einzige Palladium der Volksrechte, wie er sagt im Fakultätenstreit: Die Freiheit der Feder ist aber die Notwendigkeit und Möglichkeit, öffentlichen Gebrauch von meiner Vernunft zu machen. Und nur dann ist es eine überprüfbare Dimension, und hat gleichzeitig einen Vergesellschaftungs-, Vergemeinschaftungssinn. Also Denken ist eben nichts monadologisches, wie eine Monade, die in sich denkt. Also nicht nur, dass man die Gedanken nicht ausdrücken kann, ist das Problem, sondern Kant sagt, man kann gar nicht richtig denken.

Text: Oskar Negt, Philosoph

Kluge: Und weil Menschen denken gelernt haben als Menschheit, also durch die Sammlung ihrer Vorfahren als Evolution, so wie sie als weiteres Glied … ein unsichtbares Glied der Menschen heißt Denken. Es ist nicht einmal im Kopf beheimatet, sondern zwischen den Menschen. Das ist die einzige Voraussicht, dass es eine Aufklärung und eine aufgeklärte Menschheit wiederum geben könnte.

Text: Denken, ein Ereignis der Evolution

Negt: So ist es. Weil Aufklärung in diesem Sinne bedeutet immer die Zuhilfenahme der vorherigen Generation. Also man muss nicht immer von vorne anfangen. Und deshalb ist ja für ihn auch das Problem, dass im Grunde Fortschritt im Moralischen nicht vorstellbar ist. Die moralischen Potenzen der Menschen sind immer eigentlich gleich. Aber er sagt, also Fortschritt in den äußerlichen Handlungen, in den Vergesellschaftungsformen, also in der Rechtskultur, in der Legalität. Fortschritt nicht in der Moralität, sondern in der Legalität. Das ist ein sehr wichtiger Punkt für die Aufklärung.

Kluge: Und wie hat er jetzt am Ende geschrieben? "Selbstdenken heißt den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst suchen." Das heißt, und er fährt fort: "Und die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist Aufklärung." Und dieses Selbstdenken wäre ja zunächst mal auch die Tätigkeit von Querdenkern, wäre ja auch die Tätigkeit von Eigenbrötlern, wäre ja auch die Produktion einsamer Irrtümer. Das meint er nicht. Selbstdenken ist im Grunde unterirdisch verknüpft.

Negt: Denken heißt autonomes Denken. Also dass ich meine eigenen Regeln des Denkens überprüfe. Und vor allen Dingen, an anderen Stellen sagt er, von dem anderen meine eigenen Gedanken überprüfen lasse.

Kluge: Dann ist ein Mensch des anderen Spiegel. Und das heißt gewissermaßen die Summe aller Autonomiegedanken. Also alle Menschen haben diese Fähigkeit selber zu denken. In

dem Moment, in dem sie das in größeren Gruppen und schließlich alle tun, gibt es kein Aufhalten des Prinzips des Selbstdenkens, das heißt der Aufklärung.

Text: Selbstdenker unter sich

Negt: Er geht sogar so weit zu sagen, also da die Natur den Menschen die Möglichkeit gegeben hat zu denken, und die Vernunft ihm die Möglichkeit gibt auch zu reflektieren, was er denkt, so hat sie offenkundig auch beabsichtigt, dass er denken solle. Also in diesem Vernunftbegriff, Aufklärungsbegriff steckt auch ein Moment des Sollens. Wenn es denn so ist, dass ihm die Natur diese Fähigkeit verliehen hat, eine große Fähigkeit, die Vernunftfähigkeit, dann soll er sie bitte auch nutzen.

Kluge: Und das gehört aber zur menschlichen Natur, dass etwas, was ein Mensch kann, er es auch ausübt. Das gilt allerdings auch für die Verbrechen. Wenn ein Verbrechen in die Welt kam, wurde es wiederholt. Wie verhält er sich dazu?

Negt: Zu dem Verbrechen?

Kluge: Das nimmt er wahr.

Negt: Das nimmt er wahr, und das ist ja einer der Gründe dafür, dass er sagt, also auch eine Gesellschaft mit Teufeln muss möglich sein, wenn sie denn nur Vernunft haben.

Kluge: Es ist also eine Frage des ... die autonomen Teufel machen sich auch ein Gesetz.

Negt: Die machen sich ein Gesetz, und vor allem, um die autonomen Teufel zu bekämpfen, braucht man eben eine Rechtsordnung. Also die Abweichler von der Rechtsordnung sind auch noch Gegenstand also eines solchen Gesamtpotenzials von Bösem und Gutem, von Verbrechen und Legalität.

Kluge: So meint er, dass zum Beispiel eine Republik von Teufeln oder extremen Egozentrikern,

oder Räubern oder Raubbauern, das haben wir ja. Die würde nach einer Weile, wenn sie anfängt, sich an Gesetze zu halten, und das Selbstdenken, die Autonomie ...

Negt: ... würde sie sich zivilisieren.

Kluge: Würde sie sich von selbst zivilisieren. Sie könnte gar nicht anders, weil sie halt aneckt am Egoismus der anderen.

Negt: Sie kann dann nur überleben, wenn sie die eigenen Regeln respektiert.

Kluge: Es ist also ganz schwer, teuflisch zu sein. Sowie ein Gesetz gilt, sowie autonomes Selbstdenken stattfindet ...

Negt: ... ist eine Form der Selbsterziehung.

Kluge: Die Teufel betreiben also kein Selbstdenken.

Negt: Die könnten selbst denken, aber sie kommen ...

Kluge: Aber sie reden nicht mit den anderen. Sie müssen ja ihre Ideen verheimlichen vor den anderen, sonst können sie sie nicht durchführen.

Negt: Es muss Voraussetzung sein, dass auch die Teufel ihr Leben erhalten wollen. Wenn sie das nicht tun, dann ist die Situation ganz anders. Wenn sie ihr Leben erhalten wollen, würde Kant sagen, dann müssen sie anfangen, über eigene Gesetzgebung nachzudenken. Und das würde wiederum zu einer gewissen Pazifizierung, zu einer friedensfertigen Ordnung führen.

Kluge: Wie Adam Smith es nicht anders beschreiben würde. Aber wenn du jetzt mal die Sterne nimmst. Was ist das Verhältnis des Philosophen Immanuel Kant zu den Sternen? Er spricht ja zu Anfang ...

Negt: Ja, der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Die Metapher, die Sterne, die spielen bei ihm eine große Rolle.

Kluge: Zur Orientierung.

Negt: Ja, und auch die allgemeine Theorie des Himmels und also die Beschäftigung mit dem, was der Sternenhimmel ausmacht, was er ausdrückt, nicht zuletzt auch die Redeweise von der kopernikanischen Wendung. Also er ist fasziniert von der Weite des Alls, und deshalb spielt das auch eine große Rolle in seiner Orientierungsschrift. Das ist das ursprüngliche Koordinatensystem, an dem sich die Menschen orientieren, wenn sie den Blick nach oben richten.

Kluge: Auch hier sagt er ja, wenn der bestirnte Himmel sich in eine andere Richtung zu bewegen begänne, dann würde immer noch meine rechte, linke Hand mir zeigen, dass das der

Fall ist. Nur an den Sternen, an der Stellung, würde ich es noch nicht sehen.

Negt: Das ist das Problem dieser ersten kopernikanischen Wendung. Was bedeutet es, wenn wir uns selber bewegen, also in dem Weltall. Wo sind die Orientierungsmöglichkeiten? Und

Kant sagt, also nicht nur am bestirnten Himmel, auch am moralischen Gesetz und an der sinnlichen Erfahrung sind solche Orientierungsmarkierungen.

Kluge: Wie kommt das moralische Gesetz in die Menschen hinein? Es ist ja empirisch wenig festzustellen, dass sie als ausgleichende Macht der Moral anhängen.

Negt: Deshalb sagt er ja, es ist kein Ausfluss natürlicher Triebkräfte, die Moral. Sondern es ist ein Ergebnis der Vernunft.

Kluge: Der gegenseitigen Anerkennung.

Text: Oskar Negt, Philosoph

Negt: Ja, der gegenseitigen Anerkennung und natürlich der Selbstgesetzgebung. Wenn die Triebenergien so bleiben, wie sie von der Natur geschaffen sind, also diese Seite der tierischen Natur beim Menschen. Er hat ja eine Anthropologie, eine doppelte Seite in seiner Anthropologie: die Vernunftseite und die tierische Seite. Wenn die tierische Seite so bleibt, dann gibt es im Grunde auch kein Zusammenleben der Menschen. Dann haben die ihre egoistischen Triebe, leben die aus, und irgendwie hat er die Idee, die Natur hat dafür gesorgt, dass die Menschheit nicht ausstirbt, indem sie dem Menschen ein Vermögen gibt, das er Vernunft nennt. Und dieses Vernunftvermögen ist ja nicht identisch mit Erkenntnis oder Verstand, sondern ist auch ein moralisch gesetzgebendes Vermögen.

Kluge: Sag mal einen anderen Ausdruck für Moral dabei. Wir verstehen ja unter Moral sehr stark ein Erziehungselement oder ein Wohlverhaltenselement, das dann seinen Schwarzmarkt hat, bei dem man sich nicht moralisch verhält, sondern wirklich verhält.

Negt: Nun, ich meine, man kann es mit Sollen ... was soll ich tun? Was ist meine Pflicht und ... was ist mit Pflicht und diesen Dingen verknüpft, was Gebote sind, sich zu verhalten.

Kluge: Wobei er Gebote ja weder aus der Bibel noch vom Himmel nimmt, ja, auch nicht aus den Traditionen.

Negt: Ja, aber er sagt also durchaus, der kategorische Imperativ verbindet sich mit dem Dekalog, den zehn Geboten durchaus: Du sollst nicht ehebrechen und deine Eltern achten ...

Kluge: Was heißt ... der kategorische Imperativ heißt ...?

Negt: Es gibt verschiedene Formen. Unter anderem eine Form des kategorischen Imperativs: Handle so, dass die Maxime deines Wollens, oder deines Willens jederzeit allgemeines Gesetz werden kann. Das ist eine Frage der Rückwendung auf die eigenen Motive. Kann ich wollen?

Kluge: Und gleichzeitig ist es eigentlich eine Form des Zuendedenkens. Es ist eigentlich gar nicht irgendwie normativ zunächst.

Negt: Nein, es ist konsequentes Denken, das sagt er auch.

Kluge: Konsequentes Denken. Wenn ich mit dem einzigen Satz, dass ich den anderen Menschen wie mich respektiere. Dass ich anerkenne. Wenn ich so die übrigen Menschen anerkenne, kann ich nicht wollen, was unmoralisch ist. Das hat aber eigentlich mit Sittlichkeit, so wie wir sagen, ja, man zieht lange Röcke an oder setzt Hüte auf, überhaupt nicht das Geringste zu tun. Auch nicht, dass ich sozusagen das Gute anstrebe, weil es in mir steckt. Ich bin nicht gutmütig.

Negt: Nein, es ist sehr stark ein Selbstdenken und ein Denken in Kategorien des anderen, was mit konsequentem Denken verknüpft ist, sehr stark. Also Kant würde sagen, wenn ich das alles zu Ende denke, dann komme ich auf den Punkt, dass ich nicht wollen kann, dass zum Beispiel Raub allgemeines Gesetz wird. Ich zerstöre mich selbst.

Kluge: Und ich kann so schlitzohrig nachdenken, wie ich den Raub selber begehe, und ihm andererseits entkomme. Dies wird immer ein Unterfangen sein, das der Erfahrung nicht standhält. Das gibt's sozusagen nicht.

Negt: Und eine Seite des kategorischen Imperativs oder verschiedenen Formulierungen ist auch: Benutze andere Menschen nie bloß als Mittel, sondern immer zugleich als Zweck.

Kluge: Weil du selbst nicht als Mittel gebraucht werden willst.

Negt: So, und das würde natürlich die Aufforderung bedeuten: Begegne anderen Menschen so, dass du ihnen mehr gibst von dir, als sie hätten, wenn du nicht da wärst.

Kluge: So dass du ihnen wertvoll bist. Nur so bist du geschützt. Und dies ist alles nicht in Vorteilsabwägungen ökonomisch gedacht, sondern als Prinzip. Das kann der Mensch, und nur in dieser Weise sind alle Menschen untereinander verknüpft. Sie sind heute über Börsen und Geld verknüpft, eigentlich weltweit, und hier meint er, das wäre ... die Währung heißt eigentlich

Selbstdenken.

Negt: Selbstdenken. Und die über Geld und Börse verknüpften Menschen benutzen sich wesentlich auch als Mittel. Er sagt nicht, dass das verboten ist. Sondern er sagt, zugleich als Mittel und Selbstzweck. Und dadurch wird so etwas wie ein Personenkern und die Würde des anderen anerkannt. Und darauf lässt sich so etwas wie eine friedensfähige Gemeinschaft gründen. Selbst mit denen, die aus der Gemeinschaft ausscheren, weil sie unter diesem Gesetz stehen, das sie im Grunde hätten selbst bestätigen können, wenn sie ihre Vernunft

 konsequent gebraucht hätten.

Kluge: So dass also, wie Kant das darstellt, ganz unpsychologisch, jemand der ein Delikt begangen hat, sich selber verurteilt. So wie der Prinz von Homburg vor seinem Kurfürsten steht und sagt: Ich selber unterschreibe mein Todesurteil und nehme Begnadigung nicht an. Daraufhin kann er allerdings begnadigt werden. Das ist kantisch.

Negt: Sehr.

Text: SELBSTDENKEN / Immanuel Kants Schrift: "WAS HEISST: SICH IM DENKEN ORIENTIEREN?"