Anti-Oper

Materialschlacht von 1914 / Flug über Sibirien/ Gespräch mit Heiner Müller

Dauer:
0:45:11
Datum:
6 Dez 1993
Sendung:
News & Stories
Sammlung:
Heiner Müller
Mit:
Heiner Müller

Beschreibung

Heiner Müller war zu einer Konferenz über das Schicksal der Oper im 20. und 21. Jahrhundert in Japan eingeladen und berichtet von seinem Flug über Sibirien und seine Faszination für diesen "Riesenrücken", den er als "asiatische Zeitreserve Russlands" bezeichnet. Dem schließen sich Überlegungen zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Oper und des Theaters an. Seiner Meinung nach konnte die Oper früherer Zeit ein Gefäß für Utopie sein, während sie heute einem Betrugsunternehmen gleicht: "Wenn alles gesagt ist, werden die Stimmen süß und dann kommt die Oper." Eine Zukunftsform des Theaters ist für ihn das traditionelle japanische Marionettenspiel, das Bunraku, indem Oper und Theater zueinander finden.In einer Zwischensequenz berichtet der Komponist Wolfgang Rihm über seine Zusammenarbeit mit Heiner Müller am Musiktheater und die Umsetzung des Stücks "Hamletmaschine".Das Gespräch zwischen Müller und Kluge setzt sich mit einer kuriosen Geschichte fort: Der Scheinschwangerschaft Blüchers, dem General des 1. Weltkriegs, der die Schlacht von Ligny auf diese Weise verarbeitet habe. Über diese Anekdote gelangt das Interview zurück zum japanischen Theater und einem Stück, indem ein Schauspieler sowohl männliche, als auch weibliche Rollen spielt. Müller ist der Überzeugung, dass das Theater durch die geschlechtsspezifische Disziplinierung der Rollen einen Verlust erlitten hat. Die Oper als "weibliches Genre" in das Theater zu integrieren, ist für Müller ein Ansatz, um diese Disziplinierung rückgängig zu machen.Ein wichtiges Thema der Konferenz in Japan war der Kulturaustausch, gegen den Müller in seinem Vortrag mit einer Parabel aus Brasilien polemisiert hat, die den Import europäischer Kultur kritisch hinterfragt.Das Gespräch wendet sich dann mit den irrationalen Hoffnungen, die historische und aktuelle Jahrhundertwenden weckten und wecken, zu. Mit einem Zitat aus dem Fatzer-Fragment von Brecht versucht Müller die jüngsten Brüche und die Ideen, die sich mit ihnen verbinden, zu fassen: "wie früher Geister kamen aus Vergangenheit, so jetzt aus Zukunft ebenso."Das Gespräch endet mit Überlegungen zum Gaskrieg und der kreatürlichen Angst, die er bei den Betroffenen auslöst. Darauf angesprochen, was er von seinem Japanbesuch mitnimmt, berichtet Müller von der imponierenden Fülle an Schriftzeichen in der japanischen Sprache.