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Alexander von Humboldts Kosmos: Hans Magnus Enzensberger über die Sehnsucht nach Wissen

Text: Das Hauptwerk des großen Europäers und Forschers Alexander von Humboldt heißt: KOSMOS / Es beschreibt die Welt von den Tiefen der Erde bis zu den Sternen hin / "Dem von der Gegenwart unbefriedigten Geist, die Sehnsucht nach unbekannten Regionen des Wissens zu erfüllen" / Hans Magnus Enzensberger, der "den Kosmos" neu herausgibt, berichtet - -

Text: Alexander von Humboldts Kosmos / Hans Magnus Enzensberger über die Sehnsucht nach Wissen

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Alexander Kluge: Es gibt hier einen bürgerlichen Menschen, Alexander von Humboldt, mit der Bezeichnung Freiherr, geboren 1769.

Hans Magnus Enzensberger: Ja.

Kluge: Wenn Sie mir diesen Mann einmal beschreiben.

Enzensberger: Auf den Titel Freiherr hat er keinen Wert gelegt, hat ihn nicht benützt.

Kluge: Es ist auch kein alter Adel? … Vater, Großvater...

Enzensberger: Nein, es ist wahrscheinlich Briefadel, Beamtenadel, nehme ich mal an. Nicht ganz mittellos, er hatte ja eine einigermaßen privilegierte Jugend, kann man sagen, er hatte Hauslehrer.

Kluge: Von der Mutter her kommt das Geld, Hugenotten-Familie.

Enzensberger: Er hatte diese Hauslehrer, und zwar ganz gute. Er hat auch einmal gesagt, wäre ich der jetzigen Schulbildung in die Hände gefallen, so wäre ich leiblich und geistig zugrunde gegangen.

Text: Humboldt / Napoleon

Kluge: Er wird im September geboren, im August des gleichen Jahres, 1769, ist Napoleon, der erste, Napoleon Bonaparte geboren, das heißt, das beides sind Altersgenossen.

Enzensberger: Ja, sie sind sich auch einmal begegnet und interessanterweise war Napoleon neidisch. Napoleon war neidisch auf den Weltruhm… Alexander von Humboldt war ja weltberühmt, damals schon zu seinen Lebzeiten, und das hat Napoleon nicht gefallen.

Text: Hans Magnus Enzensberger, Autor und Herausgeber.

Kluge: Aber zwei Weltaneigner in gewissem Sinne und wenn Napoleon nach Amerika ausgewandert wäre, nach Waterloo - beinahe hätte er das geschafft mit einem amerikanischen Schiff - hätte er auch noch Entdecker werden können.

Enzensberger: Ja.

Kluge: Hätte er die Aufmerksamkeit dafür gehabt?

Enzensberger: Das weiß ich nicht, denn er war zu sehr an Macht interessiert und das war nicht Humboldts Sache. Humboldt wollte die Welt sehen und in dieser Beziehung ist er vor nichts zurückgeschreckt. Schon als junger Mann hat er angefangen, sein erster Job war, glaube ich, Bergwerks-Assessor, und da hat er sich dann im Harz und in Thüringen in Bergwerke begeben und hat sofort angefangen, die Bedingungen, unter denen diese Arbeit gemacht wird, zu studieren und zu verbessern. Er konnte nicht ertragen, diese Grubengase ...

Text: Gasmaske gegen Grubengase / Lampe für Bergarbeiter

Kluge: Also eine Art Gasmaske gegen Grubengas...

Enzensberger: Ja, aber wissen Sie, man soll gar nicht anfangen, aufzuzählen, was er alles gemacht hat, denn dann bräuchten wir zehn Stunden...

Kluge: Aber morgens um sechs Uhr stehen die Studenten auf, müssen in die Stollen und nachmittags kriegen sie Unterricht bis zehn Uhr Abends. Streng!

Enzensberger: Ja, das war die Ausbildung. Novalis war auch Bergassessor übrigens. Das war damals gar noch nicht so, was man heute einen Intellektuellen nennt. Der hat damals auch die Möglichkeit gehabt, in die Praxis zu gehen, das war nicht so geschieden wie heute, wo man diese Karrieren macht, diese merkwürdigen, die dann im Seminar enden...

Kluge: Also man lernt Unternehmer zu werden im Staatsdienst. Das muss man sich einmal richtig vorstellen: als Kameralist, also Seidenraupen anzüchten, den Plantagenbau, Wälder betreuen, Manufakturen errichten, aber auch Bergwerke.

Enzensberger: Gut, der Bürokratie hat das nicht gepasst, er war zu eifrig, er hat Unruhe geschaffen, er hat sich zu sehr für die Arbeitsbedingungen der Bergleute interessiert… Da ist ein Moment, daß er immer gewissermaßen zu viel macht. Für die verschlafenen Leute war er auch eine Quelle der Unruhe. Bis zuletzt, im hohen Alter, war er ja dann am Hof des preußischen Königs. Der preußische König hatte eine Vorliebe für ihn, wahrscheinlich weil er sich vielleicht mit seinen eigenen Leuten gelangweilt hat, aber Humboldt war dann auch bei der Hofkammerilla absolut verhasst. Er sagt: "Nichts würde ihnen lieber sein, als daß ich schon unter der Erde vermoderte". Er sagt: "Ich wäre ausgewiesen worden als Revolutionär und Gottloser, wenn es nach denen gegangen wäre." Also, dieses ganze Verhältnis der Deutschen zu Humboldt ist ja merkwürdig.

Kluge: Er konnte auch aggressive Bemerkung nicht unterdrücken…

Enzensberger: … und er war auch boshaft, weil er diesen Blick hatte. Aber es ist ja bis heute so: Wenn sie sich einmal überlegen, daß die Hauptwerke von Humboldt eigentlich unbekannt sind in diesem Land. Wenn sie in eine Buchhandlung gehen, finden sie seinen Kosmos nicht, sie finden wichtige Sachen von ihm nicht. Man hat die Humboldt-Universität, man hat das Humboldt-Forum, man hat die Humboldt-Stiftung, Humboldt, Humboldt, aber keiner kennt ihn. Das ist doch ein merkwürdiger Zustand und in gewisser Weise ist da etwas, ein Widerstand, der bis heute anhält. Ich finde das unglaublich und das ist einer der Gründe, warum ich entschlossen bin, diesen Humboldt, diesen Alexander von Humboldt, auf die Tagesordnung zu setzen, der wird einfach benötigt, denn das ist auch ein Vorbild.

Kluge: Da nannten Sie jetzt das Stichwort: "Kosmos"...

Enzensberger: Ja.

Kluge: Was heißt das, ist das ein Buch oder eine Buch-Sammlung? Oder was ist das?

Enzensberger: Ein Mann nimmt sich vor, die Welt zu beschreiben, nicht Geringeres als das. Er nennt es selbst ein tollkühnes Projekt, also eine wissenschaftliche und zugleich eine poetische Weltbeschreibung von den Tiefen der Erde, also der Geologie, über die Pflanzenwelt, über die Anthropologie, über die Ethnologie, über die Archäologie bis zur Klimakunde, bis zur Astronomie. Er interessiert sich dann für das Weltall und deswegen nennt er es - er gibt zu, daß es ein unbescheidener Titel ist - deswegen nennt er dieses riesige Buch: "Kosmos".

Text: KosmosEntwurf einer physischen Weltbeschreibung von Alexander von HumboldtErster Band.

Kluge: "Dem von der Gegenwart unbefriedigten Geist die Sehnsucht nach unbekannten Regionen des Wissens zu erfüllen". Das ist die Zweckrichtung.

Enzensberger: Ja. Das hat einen Doppelcharakter: Einerseits ist er ja ein echter Wissenschaftler, das heißt mit einem analytischen Blick, er schleppt überall seine Instrumente mit, er arbeitet mit hoher Präzision, mit einem durchaus trainierten analytischen Blick. Aber andererseits hat er diesen Rausch, diese Gabe der Bewunderung, des Staunens und dadurch kommt in diese wissenschaftliche Arbeit eine poetische Dimension. Da ist ein Überschuss drin. Er ist nicht der Mann, der das alles nur auf ein Reagenzglas bringen will, das widerstrebt ihm und diese Sache mit den Tropen: das ist für ihn auch ein Sinnenrausch, das ist eine gewaltige Erregung… Und natürlich hatte er da auch den Vorteil… das war ja unbekanntes Terrain, also die Welt war damals ja noch nicht erforscht, es gab viele, die so genannten weißen Flecken waren riesig...

Kluge: Bougainville studiert den Südpazifik und Australien und bringt die Bougainvillea (so eine Blume) mit, aber es ist im Grunde verstreut.

Enzensberger: Ja, und er sagt in Lateinamerika, auf seiner großen Expedition: "Man ist hier überall zuerst." Das ist natürlich auch eine tolle Situation und es gab ja kaum Führer, bekannte Routen… Das gab es nicht! Und wenn er dann diese sechs Anden-Gipfel besteigt, ohne Spezialausrüstung, ohne Spezialkleidung...

Text: Hans Magnus Enzensberger, Autor und Herausgeber

Kluge: Das sind Sechstausender, fast Himalaja-Höhe...

Enzensberger: Ja, ohne physiologische Kenntnisse.

Kluge: Im Anzug, oder wie geht er da hoch?

Enzensberger: …Er muss das probieren, er kommt mit seinem Gehrock da rauf auf sechstausend Meter. Er experimentiert, zuerst die kleineren Gipfel, den Pichincha, den Cotopaxi, Antisana… Sechs solche Andengipfel hat er bestiegen und dabei - in aufsteigender Folge - hat er dann gelernt, wie man umgeht mit den Folgen: Schwindelanfälle, Ohnmachten, Atemnot, Übelkeit, Erbrechen, Schneeregen, Erdstöße… Also das war auch eine hoch gefährliche Sache. Der Mann war unaufhaltsam.

Kluge: Wenn ich mir das noch mal richtig vorstelle: der geht bis zuletzt, aber im Gehrock, so eine bisschen die Hände umwickelt, handschuhähnlich ...

Enzensberger: Ja.

Kluge: ... aber im Grunde hoch improvisiert, also an Messmer gemessen, ...

Enzensberger: Das kann man gar nicht vergleichen...

Kluge: ... unausgerüstet! Zivil.

Enzensberger: Ja, merkwürdig. Nur getrieben durch diese absolute Obsession kann man sagen…

Kluge: Er hat eine Theorie über die Krater.

Enzensberger: Er hat eine Theorie über den Vulkanismus, er war Vulkanologe. Da gibt es die Entstehung der Anden, das sind plattentektonische Dinge und da muss er jeden Stein umwenden, auch auf dem Weg.

Kluge: Da gibt es zwei grundlegende Theorien um 1800 zu seiner Studienzeit: die Vulkanisten und die ...

Text: Vulkanisten gegen Neptunisten

Enzensberger: Neptunisten.

Kluge: ... Neptunisten. Und sein Lehrer an der Bergwerksakademie Freiberg, der ist noch ...

Enzensberger: Neptunist, ja … wie Goethe auch und da gab es einen großen Streit drum...

Kluge: Die Neptunisten sagen, alles ist zunächst einmal Basaltboden und fließt, alles fließt, das heißt in den Ozeanen entstehen die Steine und dann gehen sie zu Lande. In den Alpen sieht man ja, es ist Meeresgestein.

Enzensberger: Das ist richtig, aber was dabei vernachlässigt wird ist eben, daß unter der Kruste, der Erdkruste diese magmatischen Verhältnisse sind und das ist ja ganz merkwürdig, wie er diese Sache mit den Bergen angeht. Da muss er auch deswegen rauf, um diese Theorie zu klären und gegen Goethe und gegen seinen eigenen Lehrer erkennt er dann, wie diese Andenkette entstanden ist und das ist also eine der Sachen, die er dabei beweisen kann. Er kann das beweisen.

Kluge: Das sind ja zwei Temperamente im Denken: die Neptunisten sind sozusagen der Meinung, in äonenweiser Länge entwickelt sich alles langsam, allmählich… So wie Darwin die Evolution sieht, und die Vulkanisten sind Katastrophen-Theoretiker.

Enzensberger: Das war auch ideologisch besetzt, natürlich, …

Kluge: …und Revolution wäre vulkanistisch…

Enzensberger: …weil das ist ja die Zeit der Französischen Revolution und es gibt ein analoges Denken: der eine will Stetigkeit und der andere rechnet damit, daß die Welt diskontinuierlich, ...

Kluge: ... sich umwälzt.

Enzensberger: ... nicht nur die Erdgeschichte, sondern auch unsere Geschichte ist diskontinuierlich. Und deswegen war das so besetzt, deswegen war der Streit so heftig.

Kluge: Das ist Humboldt: diskontinuierlich, revolutionär!

Enzensberger: Ja und diese Sache ist natürlich auch eine politische Sache. Ich habe darüber lange nachgedacht. Es ist wirklich merkwürdig, wie er es vermocht hat, auf der einen Seite an seinen Überzeugungen festzuhalten - er war ja politisch sozialisiert durch Frankreich - und er war ganz zweifellos ein Republikaner und zugleich hat er diese Position in Deutschland gehabt, in Preußen und hat es doch verstanden… Er wollte ja etwas ausrichten, er wollte nicht wie Forster enden in einem Dachboden oder wie Büchner, sondern er wollte etwas bewirken, er wollte etwas ausrichten, als wenn er diesen Auftrag gehabt hätte… Und dazu brauchte er diese Position und er hat es verstanden, ohne sich selbst zu verraten, diese Hebelwirkung zu behalten. Er hat ja unendlich viel ausgerichtet, also nicht nur diese Bergwerke, sondern in der Diplomatie, er war ja auch Diplomat, dann diese ganzen Publikationen, Wissenschaftspolitik hat er ja gemacht, er war ja einer der ersten...

Kluge: Große Kooperation, erster Kanzler des Ordens "Pour le mérite", das heißt also viele Amtliche ...

Enzensberger: Ja, und Netzwerkbildung. Man spricht davon, daß er 50.000 Briefe geschrieben hat. Damals gab es ja noch kein Internet, also musste er Briefe schreiben. Wenn er etwas nicht gewusst hat, hat er sich an den anderen gewandt und außerdem war er, wovon er nie Aufhebens gemacht hat, er war ein enormer Förderer. Er hatte dann, je älter er wurde, immer mehr auf die nächsten gesetzt, also Werner von Siemens, Justus Liebig, die Franzosen, Arago und alle diese Leute. Die hat er gekannt und hat ihnen oft Geld verschafft, was man heute Drittmittel nennen würde vielleicht, hat er eingeworben, um diesen Leute Positionen in der Wissenschaft zu garantieren. Und das alles letzten Endes eigentlich als Privatmann, denn er wollte kein Amt. Man hat ihm angeboten Museumsdirektor zu werden, man hat ihm angeboten Botschafter in Paris zu werden, er sollte Kultusminister werden...

Kluge: Lieber nicht.

Enzensberger: Lieber nicht. Seine Unabhängigkeit wollte er nicht aufgeben und in seine wissenschaftliche Arbeit hat er auch sein ganzes Vermögen gesteckt: er hat ja diese riesigen Reisewerke ...

Kluge: In dem Sinne war er ja zu Anfang seiner Reisen, als Erbe seiner Mutter ...

Enzensberger: …war er reich!

Kluge: ...war er, würde man sagen, Millionär...

Enzensberger:  Ja.

Kluge: …und er hat alles durchgebracht mit Forschung, mit Publikationen usw. Und was er seinem Kammerdiener am Ende seines Lebens, nach 90 Jahren, vererbt - er ist sein Alleinerbe - ist ganz gering.

Enzensberger: Merkwürdig auch diese Sache: man kann auch über sein Privatleben spekulieren, von diesem Privatleben sind kaum Spuren vorhanden: Also es ist so, daß die ganze vitale Energie anscheinend vollkommen absorbiert worden ist durch diese riesigen Projekte, die er da auf sich geladen hat und ich glaube, daß er am Schluss - er war zwar berühmt, die Leute pilgerten zu ihm, er musste sich um dies und jenes kümmern - aber letzten Endes mag es sein, daß er am Schluss doch etwas einsam war. Das ist vielleicht der Preis für seine Obsession.

Kluge: Aber er hat schon ein leidenschaftlich bewegtes Herz: also man sagt, daß er die Frau Herz sehr geliebt hat, vielleicht nicht physisch, aber brieflich.

Text: Henriette Herz

Enzensberger: Er war ja… er war ja ein toller… also sein Auftreten, er war ja…

Kluge: Ein Kavalier...

Enzensberger: ...bei den Damen sehr beliebt…

Kluge: Ja?

Enzensberger: Jaja, er wurde angebetet, der Mann. Er sah auch gut aus, sehr elegant...

Kluge: Aber ohne strenge Unterscheidung der Geschlechter, also sein früher Freund, von Haeften, aus der Familie, die am 20. Juli auch noch eine Rolle spielt, den hat er ja wirklich ...

Enzensberger: …angebetet. Das war eine ganz heftige Geschichte.

Kluge: Und der war aber verheiratet und als er früh stirbt, ist er sogar bereit, die Frau zu übernehmen.

Enzensberger: Ja.

Kluge: Eigentlich wie in einer Heldensage: Treue um Treue.

Enzensberger: Ja, auch merkwürdig, aber in dieser Zeit gab es … einerseits gab es Tabuisierungen, in erotischer Hinsicht wurde über vieles nicht gesprochen, aber andererseits waren die Rollen auch noch nicht so festgelegt, denn es gab in diesen Freundschaften - das waren ja die heftigsten Freundschaften unter Frauen, unter Männern - das wurde gar nicht zum Thema gemacht. Diese Schachteln, in die die Menschen später dann … bis heute muss man sich ja - coming out usw. - muss man sich definieren. Das war damals noch nicht so. Das ist sehr interessant, was da in den Emotionen los war. Es war eigentlich auch so eine Art Vulkanismus.

Kluge. Also es ist eine Entdeckungsreise in dieser Zeit, der jungen Menschen vor allen Dingen, die nehmen den Planeten an sich, also Erstbesteigung des Planeten Erde, das ist typisch für Humboldt, aber auch die subjektive Seite wird erforscht.

Enzensberger: Die Psyche wird ausgekundschaftet, fast experimentell kann man sagen. Da gibt es die Hypnose, Mesmerismus, all diese Sachen, ganz merkwürdig. Aber Humboldt war dann letzten Endes… Ich glaube überwiegend… Gut, ich meine, er hatte immer diese Assistenten im Dschungel. Den Bonpland, mit dem er da gereist ist. Und das war sicher auch eine affektive Bindung, die die beiden hatten, die waren ja völlig aufeinander angewiesen, war ja alles lebensgefährlich, jeder Tag.

Text: Johann Georg Forster (1754– 1794)

Kluge: Ja. Sie nannten vorhin den Namen Forster. Mainz, 1790 macht Humboldt eine erste große Reise, eine erste große geographische Reise mit diesem Mann. Wenn Sie mir den mal beschreiben. Der ist ja als Sechsjähriger, Zehnjähriger schon mit Cook unterwegs, dieser Forster.

Enzensberger: Ja, ja.

Kluge: ... und durchforscht Australien.

Enzensberger: Schreckliche Vatergeschichte natürlich, aber er hat ja auch das beste Buch über diese Expedition geschrieben.

Kluge: Und liebt die Französische Revolution.

Enzensberger: Ja, und wirft sich Hals über Kopf in diese Sache hinein und da unterscheidet er sich von Humboldt, die kannten sich natürlich, sind ja miteinander...

Kluge: …sie sind beide in Paris jetzt.

Enzensberger: Beide in Paris, ja. Ich glaube, das ist sogar eine gegenseitige Bewunderung.

Text: Hans Magnus Enzensberger, Autor und Herausgeber

Kluge: Und zwar beides Forscher, beides Geographen, beide an der Welt, also nicht an Frankreich oder einem einzelnen Land orientiert. Und jetzt sitzen die in Paris, der eine sozusagen als Delegierter der Bürgerschaft von Mainz, also direkt politisch, zentralkomiteefähig sozusagen und der andere distanzierter, beobachtend ...

Enzensberger: …mit großen gesellschaftlichen Verbindungen natürlich...

Kluge: ... aber er sagt: "Der Anblick der Pariser, ihrer Nationalversammlung, ihrem noch unvollendeten Freiheitstempel, zu dem ich noch selbst Sand gekarrt habe", ...

Enzensberger: Ja!

Kluge: …"steht mir als Traumgesicht im Herzen."

Enzensberger: Wunderbar. Und die Konkretion, also nicht nur aus der Zeitung, nein, er karrt Sand. Das ist auch wieder dieser Praxisbezug, der geht bei ihm ja immer durch: er schaufelt selbst mit.

Kluge: Und so ist er Erzeuger einer noch nicht korrumpierten Französischen Revolution, die keine Guillotine hat.

Text: Humboldts Interessen sind allseitig

Enzensberger: Humboldt interessiert sich für die Sklaverei, Humboldt interessiert sich für die Pflanzenwelt… Was hat das mit Physik zu tun? In Mexiko studiert er die Monumente der indigenen Kulturen...

Kluge: …zurück bis zu den Inkas...

Enzensberger: ...zu den Inkas...

Kluge: …bis zu den Schriften...

Enzensberger: Er ist einer der ersten, die eine genaue Beschreibung dieser Inschriften, dieser Glyphen, dieser Reliefs [liefert]… Er lässt sie abbilden… Er hat ja immer Künstler dabei, er setzt immer Künstler ins Brot, die das, was er sieht, aufzeichnen müssen, findet die besten. Bis heute kann man noch sehen, was er da für Leute herangezogen hat, ins Brot gesetzt auch, die dann diese wunderbaren Tafeln herstellen, mit denen seine Werke geschmückt sind.

Kluge: Und dieser Sammler bringt dann, noch während er reist, nach Europa eine Sammlung von Gesteinen, eine Sammlung von eingemotteten Pflanzen, eine Sammlung von Schriften, Urkunden und dann Gemälde und Ihr "Kosmos", den Sie jetzt veröffentlichen, hat ja die Unterschrift: "Physische Weltbeschreibung".

Enzensberger: Ja. "Versuch einer physischen Weltbeschreibung."

Kluge. Physisch heißt, ich bin dagewesen?

Enzensberger: Eigentlich ja, das heißt es ist materiell, es ist nicht eine ausgedachte Welt.

Kluge: Ein Erddetektiv.

Enzensberger: Ein Erd- und Himmelsdetektiv, denn auch die Astronomie hat ihn sehr fasziniert.

Kluge: Und er nennt es nicht Geographie, sondern Geognosie.

Enzensberger: Geognosie, ja. Da steckt die „Erkenntnis“ drin. Nicht nur die Lehre, sondern auch die Erkenntnis und das hat mit dieser Aufmerksamkeitssache zu tun, er muss monströs… Er ist ja auch irgendwie ein Monster… Ich meine, ich ersterbe in Bewunderung, ich finde ihn ein riesiges Vorbild, aber es hat auch etwas Einschüchterndes, denn es ist schwer vorstellbar, daß heute jemand eine solche Universalkompetenz zustande brächte. Ich meine, er ist an einem Punkt - es ist wahrscheinlich auch das letzte Mal, wo so etwas möglich war, denn heute kann ein einziger Mann, und sei er wissenschaftlich noch so gebildet, so ein Werk nicht mehr hervorbringen.

Kluge: Das ist erschreckend an allen Bildungsstrukturen, daß sie fertig, in fertiger Form, also als Erwachsener, als Alter erschreckend wirken, während sozusagen als Kind ist er ja kränkelnd, irrtumsanfällig… Er übernimmt eine Theorie für zehn Tage, dann eine andere...

Enzensberger: Er wurde ja immer gesünder: je mehr Strapazen, desto gesünder wurde er. Er wurde ja auch alt. Das ist auch merkwürdig, dieses kranke Kind, dieses schwächliche Kind ist an seinen Begeisterungen sozusagen gesundet.

Text: Humboldt (1804)

Kluge: Also ein unaufmerksamer Schwer-Lerner, kränkelnder ...

Enzensberger: Wie Darwin übrigens. Darwin war auch so einer.

"Hell, in der Mitte auf seinem Feldstuhl, sitzt der gefeierte Geognost

in seinem Labor im Dschungel, in Öl gemalt, an den Ufern des Orinoco.

Wie Schnee schmilzt die Terra Incognita unter seinen Blicken.

Über die letzten Gletscher, die ödesten Bergketten wirft  er sein Netz

von Kurven und Koordinaten. Er misst die magnetische Deklination,

die Sonnenhöhe, den Salzgehalt und die Bläue des Himmels. "

Text: Ausschnitt aus: H.M. Enzensberger / Mausoleum / 37 Balladen aus der Geschichte des Fortschritts

Enzensberger: ... "Ungläubig

sehen die Einheimischen zu. Was für wunderbare Leute sind diese,

welche die Welt durchlaufen, um Pflanzen zu suchen und um ihr Heu

mit anderem Heu zu vergleichen. Warum lasst ihr euch aufzehren

von Moskitos, nur um ein Land zu vermessen, das euch nicht gehört?

Ausländer sind es, Ketzer und Narren, doch unbeirrt, wie der Pfaffe

das Weihrauchfass, schwenkt der Reisende seine Leydener Flasche.

Geboren im Schein des Messierischen Kometen galvanisiert er Frösche,

legt sich selbst Elektroden an und teilt, Über die gereizten Nerven-

und Muskelfasern, Vermuthungen mit. Später setzt er am Amazonas

magnetischen Stürmen und in Sibirien Nordlichtern nach: Pirogen

tragen ihn hin, Schlitten und Dampfschiffe, Hängematten und Kutschen.

Er stellt ganze Länder dar wie ein Bergwerk. Für brennende Krater,

die er leidenschaftlich besteigt, vermißt und betastet, hegt er,

Vulkanist und Vulkanologe, eine wahre Manie. Vereinsamt und ängstlich

gedenkt er der Jünglinge, die ihm gefielen. Meist waren sie sanft

und mittellos. Er aber förderte sie und schwieg. "

Text: Der Typ des Horizont-Wanderers

Kluge: Das ist ja seltsam, wie er da in den Tropen sitzt.

Enzensberger: Ja sicher. „Man ist hier überall zuerst“, und das gilt eben nicht nur im geographischen Sinn, sondern er hat ja diese ganzen Felder besetzt, er hat neue Felder eröffnet, neue Felder besetzt, die dann extrem zukunftsträchtig waren. Ich meine, ein Mann, der damals, 1829, 1830, den Panamakanal vorschlägt, der dann erst 60 Jahre später gebaut wird; ein Mann, der über die Möglichkeiten der Wettervorhersage nachdenkt - es gab ja nur die Bauernregeln, den Hundertjährigen Kalender, das war alles. Es gab keine Wissenschaft.

Text: Die 3. Dimension der Erd-Erkundung / Klima in der Vertikalen

Kluge: Und ein Geograph, der die zweidimensionale Kartographierung der Welt, als sei alles flach, als sei es nur in der Arktis kalt und in den Tropen warm, unterbricht, ...

Enzensberger: Die dritte Dimension.

Kluge: ... die dritte Dimension erfindet, weil er die Berge so studiert.

Enzensberger: Deswegen muss er rauf, muss den Chimborazo raufsteigen…

Kluge: Er kommt von den Tropen in die Arktis ...

Enzensberger: Ja.

Kluge: ... an einem einzigen Tag.

Enzensberger: An einem Punkt der Erde kommt er von den Subtropen, die ganzen gemäßigte Klimazone, an die kalte Zone der Polarluft… 

Kluge: Vertikale Geographie.

Enzensberger: Vertikale Geographie, auch eine neue Idee.

Kluge: Es ist eigentlich immer Großzügigkeit, also Ausdehnung des Gedankens. Wieso ist er in der Themse gewesen und hat den Grund der Themse erforscht?

Enzensberger: Das musste er auch wissen. Es ging darum, da hat dieser Brunel, ...

Text: Isambard Kingdom Brunel

Enzensberger: … ein ganz wichtiger englischer Ingenieur, Schiffsbauer, Brückenbauer und Tunnelbauer… und damals versuchte man den ersten Tunnel unter die Themse zu bauen und da musste Humboldt, als er in London war, natürlich sofort hin und ist mit diesem etwas verrückten Ingenieur reingestiegen in den Tunnel, obwohl das auch nicht so harmlos war. Da kam schon das Wasser durch. Das Projekt ist damals gescheitert, aber Humboldt wollte sich das nicht erzählen lassen, er wollte es sehen.

Text: Die Epoche 1789 bis 1815 / Glanz und Elend der bürgerlichen Klasse

Kluge: In der Glanzphase, also in den Jahren 1789 bis 1815 sagen wir mal, also bis zur Kapitulation Napoleons, das ist doch ein eigenes Jahrhundert, wenn man so will.

Enzensberger: Ein sehr kurzes, ...

Kluge: …aber schnelles ...

Enzensberger: ... aber starkes Jahrhundert, ja.

Kluge: Die Soldaten Napoleons marschieren schneller, seine Ingenieure bauen in doppelter Geschwindigkeit.

Hans Magnus Enzensberger, Autor und Herausgeber

Enzensberger: Wo Sie hinschauen, im Recht, Savigny, der Code Napoléon, in der Musik, man kann hinschauen wo man will. Es ist wahnsinnig, wie schnell das gewachsen ist. Völkerrecht, alle diese Sachen, man kann gar nicht alles aufzählen, was damals passiert ist, die Reformer, die preußischen Reformer.

Kluge: Alles überschneidet sich. Weil der Italienfeldzug Napoleons stattfindet, können die Brüder Humboldt nicht die Reise nach Italien machen, also fährt er nach Südamerika…

Enzensberger: …nach Südamerika

Kluge: …Sonst hätte er vielleicht Ägypten bereist.

Enzensberger: Ja, muß er zum spanischen König, um die Erlaubnis zu gewinnen…

Kluge: Er hat auch Glück …

Enzensberger: Es war auch viel Glück dabei. Er war auch jemand, der unter einem guten Stern geboren war, das muss man auch sagen, denn der hätte mit 28 untergehen können, sehr leicht. Wenn man die Reisebeschreibungen liest: das war alles lebensgefährlich, das war absolut bedrohlich…

Kluge: Und die meisten jungen Genies des bürgerlichen Zeitalters sterben mit 36.

Enzensberger: Ja, das ist auch wahr...

Text: "Der bürgerliche Charakter" / Maßlosigkeit der Moderne

  

Kluge: Irgendwie hängt das damit zusammen, daß der bürgerliche Charakter offensichtlich wenig Augenmaß hat und sehr dazu neigt, andere, was er nicht selbst ist, zum Mittel zu machen.

  

Enzensberger: Naja, sicher. Das hängt vielleicht mit diesem schnellen Sieg zusammen.

Kluge: rücksichtslos ist …ein gewisses Raubtier im Menschen… ist erhalten geblieben…

Enzensberger: Ja, ja, das ganze Ausbeuterische… Das ist ja auch vorhanden, aber im Großen und Ganzen nennt man das die Moderne, die diesen Charakter hat. Die Moderne ist nicht etwas Maßvolles, sie unterliegt auch gar nicht einer moralischen Kategorie.

Kluge: So daß es also vielleicht drei Ausprägungen des bürgerlichen Charakters gibt, so einer Typologie: Das eine ist der homo faber, der die Welt tendenziell unterjocht, dazu gehören auch die ganz tüchtigen Ingenieure, ...

Enzensberger: Ja, natürlich.

Kluge: ... die sozusagen als Produzenten rücksichtslos sind und das zweite ist der, der Angst hat, der sich absichert.

Enzensberger: Der Ängstliche, ja, der Sicherheit sucht…

  

Kluge: Und der dritte, das wäre homo kompensator, der Gleichgewichtler, der in der Lage ist, Gleichgewichte zwischen den Strömungen zu haben, zwischen der Eitelkeit und der Großmut: Zwischen den… an den Horizonten leben und es nach Hause berichten.

Enzensberger: Das ist natürlich auch etwas, warum einem so ein intellektuelles Ungeheuer wie der Humboldt sympathisch ist. Das liegt daran… er kannte keinen Neid, er war frei von Ressentiment, er war großzügig, er kannte keinen Geiz, all diese Sachen waren für ihn, ...

Kluge: Er hat ein "Ich" und kann sich ichlos aufhalten.

Enzensberger: ... und nicht aus dem Bedürfnis, ein guter Mensch zu sein, sondern sozusagen naturwüchsig, der war einfach so gebaut.

Kluge: Ja.

Enzensberger: Und das ist natürlich schon sehr schön.

Text: Ein Wiederkäuer des Geistes

Kluge: Seine Reise in die andere Welt, nach Südamerika, das sind ja nur fünf Jahre, von 1799 bis 1804. Und dann, als geistiger Wiederkäuer, schreibt er 20 Jahre an diesen Büchern auf Französisch. Er legt es jetzt nieder.

Enzensberger: Damals war eben doch Paris die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. Im Vergleich zu Berlin war das etwas anderes. Er war übrigens sprachlich auch sehr begabt: er sprach, glaube ich, acht oder neun Sprachen, lernte dann, wenn er irgendwohin gefahren… hat dort die Sprache gelernt, einfach...

Kluge: Über das Französische war es dann auch nach Amerika gut zu exportieren, es wurde sofort übersetzt. 

Enzensberger: Ja, das ist auch so etwas Sonderbares - das wissen die Deutschen meistens gar nicht - daß der Humboldt eigentlich der international bekannteste Deutsche ist. Der ist bekannter als Goethe. Ich habe einmal gelesen, es soll tausend geographische Objekte geben, die nach Humboldt benannt sind. Man kennt den "Humboldt-Strom", ...

Kluge: ...Auch Städte.

Enzensberger: ... es gibt Städte, die Humboldt heißen, es gibt Straßen, es gibt Gebirge, eine "Humboldt-Range" gibt es in Amerika, ein "Humboldt-Basssin". Es ist ganz merkwürdig, daß er auf dieser Weltkarte in einem extremen Maß vertreten ist. Da fällt einem gar kein Gegenbeispiel ein.

Text: Gymnotus Electricus (Zitteraal)

Kluge: Er ist jetzt hier bei den elektrischen Fischen, das sind die Zitteraale und jetzt findet er heraus, daß man die ja nicht anfassen kann. ...

Enzensberger: Ja.

Kluge: … Er hat eine Maschine hier, ...

Enzensberger: Eine Elektrisiermaschine, ja.

Kluge: ... und will jetzt die Muskelfasern usw. und das Verhalten elektrischer Fische [untersuchen]. Und er findet heraus, daß die Indios Pferde reinlassen ins Wasser, und jetzt gehen die Zitteraale gegen die Pferde [an], erschöpfen ihre elektrische Schlagkraft: dann kann man sie greifen,

Enzensberger: …und fangen…

Kluge: …schlachten und essen. Er will sie aber nicht essen, sondern er will sie messen, untersuchen.

Enzensberger: …untersuchen, ja, er will sie untersuchen.

Kluge: Das ist eine typische Vorgehensweise.

Enzensberger: Ja, sicher. Wobei er beim ersten Versuch auch selbst einen elektrischen Schlag abbekommen hat, also die Risiken ...

Kluge: Das hätte für Kleinwüchsige tödlich sein können.

Enzensberger: Ja und risikoscheu war Herr von Humboldt weiß Gott nicht.

Kluge: Aber ihn interessiert dies...

Enzensberger: Ja, er will das wissen.

Kluge: ...und das nicht anders als Dr. Spalanzani, also er nimmt im Grunde in Kauf, diese Tiere zu quälen, um zu finden, wie Elektrizität und tierischer Organismus sich verhalten.

Enzensberger: Ja. Was ist um der Wissenschaft Willen eigentlich erlaubt? Das ist ja auch eine Frage.

Kluge: steht noch nicht fest…

Enzensberger: …Er setzt auch einige seiner Begleiter Risiken aus, die erheblich waren, bei diesen Bergbesteigungen…

Kluge: Die Menschenrechte in Paris würde er mit unterschrieben haben, ...

Enzensberger: Die Sklaverei passt ihm nicht,

Kluge: …aber bei Tieren ist es nicht ganz so gewiss…

Enzensberger: Aber wenn ich etwas herausfinden will, das ist nicht ganz kostenlos. Dann muss ich mich selber, aber auch das Objekt… Da muss ich riskieren, daß dem etwas passiert, daß mir etwas passiert, daß da etwas zu Schaden kommt.

Kluge: Jetzt treibt ihn seine Neugierde auf das Meer an der Westküste von Peru. Dort gibt es den Perustrom, der heute "Humboldt-Strom" heißt, ein kalter Strom, der kommt aus der Arktis und geht bis zum Äquator.

Enzensberger: Ja.

Kluge: Und weil er kalt ist, hindert er den Regen, der aus dem Pazifik kommt, die Küste zu erreichen.

Enzensberger: Es entstehen Wüsten, die Atacama-Wüste in Chile, es entsteht Trockenheit und dann die ganze Sache mit dem El Niño… ganz gefährliche Sache.

Kluge: Die Funktion des "Humboldt-Stroms".

Enzensberger: Ja, ja und da ist es dann nicht mehr Meteorologie, sondern Klimakunde, denn auch das Klima hat ihn sehr fasziniert, was man heute die Klimamaschine der Erde nennt...

Kluge: Und eigentlich geht in seinem Kopf, er ist ja auch Ingenieur und Oberbergrat, da etwas vor wie bei dem Projekt, dem er anhängt, den Panamakanal durchzustechen.

Enzensberger: Ja, das schlägt er dem amerikanischen Präsidenten vor, in Washington.

Kluge. So könnte man doch hier den "Humboldt-Strom" eventuell später einmal umlenken und fruchtbare, treibhausähnliche Küsten entstehen im Westen.

Enzensberger: Aber wissen Sie, diese ganzen Überlegungen, wenn man sich vorstellt, daß wir heute mit den mächtigsten Computern in Wirklichkeit die Klimabewegungen immer noch nicht berechnen können… Es war im Fall von Humboldt eine merkwürdige Form von Intuition nötig, also ohne diese Differentialgleichungen, dieses Meer von Differentialgleichungen, mit denen man heute arbeitet. Klimatologen arbeiten mit solchen Modellen. Die modellieren Simulationen im Computer. Das gab es ja alles gar nicht. Also er musste eigentlich raten. Er musste seiner Intuition vertrauen und deswegen diesen Strom… Was bedeutet das?

Kluge: Aber es sind immer drei Elemente. Es muss seine Neugier entzücken und aufregen und muss ihn wundern und der zweite Punkt war: irgendwo im großen Rahmen muss es auch irgendeinen Nutzen haben.

Enzensberger: Sicher, irgendetwas ist da auch zu gewinnen. Es ist auch etwas zu gewinnen. Also bei seiner Sibirienreise sagt er in Petersburg beim Zaren: "Majestät, da hinter dem Ural gibt es Stellen, wo es Diamanten geben muss." Ich weiß nicht, ob er das nur sagt, um mehr Unterstützung für seine Expedition zu kriegen, d.h. als Köder, oder ob ihn das tatsächlich sehr interessiert und dann reisen sie mit diesen Kutschen durch diesen unwegsamen Schlamm.

Kluge: Dann sagt er: dort ist es...

Text: Hans Magnus Enzensberger, Autor und Herausgeber

Enzensberger: …Dann kommen sie an eine Bergkette und er sagt: "Hier müsst ihr suchen." Und es war natürlich dann in Petersburg eine ziemliche Sensation, daß dieser merkwürdige Ausländer, den man nicht ganz versteht, was da eigentlich in seinem Kopf vorgeht, daß der tatsächlich das findet.

Kluge: Der konnte einen Berg ansehen. Das heißt hier bei ihm: man kann Ideen sehen.

Enzensberger: Ja.

Text: Die Natur ist der sichtbare Geist / Der Geist ist die unsichtbare Natur

Kluge: Und so blickt er sozusagen auf die Berge, wie es ein Orbit-Satellit heute tut, und kann dann sagen: das da sind Smaragde, da sind Diamanten.

Enzensberger: Ja, eine Art Röntgenblick ist das.

Kluge: Aber auch aus Erfahrung, weil er weiß, wie so eine Gesteinsformation aussieht, da er Erdgeschichte kennt, das ist Geognosie. Und das dritte Element ist eine bestimmte Form von Augenmaß und von Theoriefähigkeit. Ihn interessiert nichts, was nicht Geist und Natur zusammenbringt, also dieses bloß Vereinzelte ...

Enzensberger: Nein, nein. Er benützt den Spezialisten, wenn er eine Auskunft braucht,

Kluge: … will aber allgemeine Ideen haben…

Enzensberger: …aber ihn interessiert, wie das zusammenhängt. Ihn interessiert die Dynamik, diese Komplexität der ganzen Sache. In seinen Augen - und deswegen auch diese Sache mit der Astronomie - es ist ja nicht genug, man muss auch wissen, wie dieses Weltall entsteht, er will die Entstehung der Planeten [kennen]. Solche Fragen, die damals ja keineswegs in der Luft lagen. Die Frage muss ja erst einmal gestellt werden ...

Kluge: Unabhängig jetzt davon, daß man dort nichts holen kann, daß keine seiner drei… Daß er nicht selber hin kann.

Enzensberger: Nein, er hat keine Satelliten, er hat keine Raumsonden zur Verfügung, aber er hat seinen Blick und er fragt sich - es gibt physikalische Gesetze, die er kennt - wie kann die Masse der Gestirne Planeten hervorbringen, wie ist das möglich?

Kluge: Aber immer geht es ihm darum, Verstand und Kräfte des Gemüts müssen gleichzeitig verbunden sein, das ist das, was er kosmisch nennt, ...

Enzensberger: Ja.

Kluge: ... und dann interessiert es ihn. Das ist diese dritte Seite in ihm und das zusammen wäre ein bürgerlicher idealer Charakter, soweit bürgerliche Charaktere ideal sein können.

Enzensberger. Naja, sicher. Gleichzeitig repräsentiert er etwas und ist zugleich die große Ausnahme.

„Die quälenden Nächte

verbrachte er schreibend. Zerstreute Bemerkungen über den Basalt.

Über die Chinawälder, Memoir über Meeresströme. Über die Urvölker

von Amerika und die Denkmäler, welche von ihnen geblieben sind.

Vorlesungen über … Beiträge zu … Aphorismen aus … und Ansichten von ...“

Text: Ausschnitt aus: H.M. Enzensberger / Mausoleum / 37 Balladen aus der Geschichte des Fortschritts

Enzensberger: "Vorläufige Anzeige einer Rettungsflasche. Über die unteren Gränzen

des ewigen Schnees. Von der in verschiedenen Theilen der heißen Zone

am Spiegel des Meeres stattfindenden Temperatur. Über electrische Fische.

Dieser Mann ist eine vollständige, wandelnde Akademie. Er steigt auf

in die höchsten Luftschichten, und er taucht, in einer eisernen Glocke,

mit einem wahnwitzigen Engländer namens Brunel auf den Grund der Themse.

Ich habe ihn immer bewundert; jetzt bete ich ihn an. Denn er allein

gibt einen Begriff von den Empfindungen, die das erste Betreten

der Tropen in der Seele erregt. Später allerdings, nach dem Frühstück,

äußerte Darwin sich ziemlich enttäuscht: Ich fand ihn sehr munter,

doch allzu geschwätzig. Tatsächlich ist, worauf seine Größe beruht,

nicht ganz klar. Er schlief nur drei bis vier Stunden, war eitel,

enthusiastisch, harmlos, unendlich beschäftigt. Vorzüglicher Tänzer,

vom Menuett bis zum Animalito. Blauer Frack, Knöpfe auf Gold, die Weste

gelb, gestreifte Hosen, weiße Halsbinde, schwarzer abgetragener Hut:

seine Kleidung war stehengeblieben in den Zeiten des Directoire.

Wozu hat er all das ertragen: Insekten, Schlingpflanzen, Regengüsse,

und die verdrossenen Blicke der Indianer? Es war nicht das Zinn, die Jute,

der Kautschuk, das Kupfer. Ein Gesunder war er, der mit sich die Krankheit

ahnungslos schleppte, ein uneigennütziger Bote der Plünderung, ein Kurier,

der nicht wusste, daß er die Zerstörung dessen zu melden gekommen war,

was er in seinen Naturgemälden, bis daß er neunzig war, liebevoll malte."

Text: Kartographie  

Enzensberger: Übrigens Gründer der Geographischen Gesellschaft war Humboldt auch. Die Geographie war damals ja nicht sehr weit entwickelt. Er selbst hat auch immer Karten gezeichnet, wo immer er war, mussten Karten her, die Orientierung… Und diese Karten waren dann - hier hat er z.B. eine Karte, die Karte beschreibt, wie die Menschen sich kleiden. Bei den roten Teilen der Erde kleiden sie sich in Tierfelle, hier sind die Leute, die mit Wolle angetan sind, die Blauen sind die mit Baumwolle und da unten kommen dann merkwürdige Kombinationen zusammen, hier ist zum Beispiel als Kleidung von Tierfellen ist der Patagonier, der Sioux und der Eskimo. Da hat er eine Karte entwickelt, ...

Kluge: Und die Grünen: das ist so eher fast nackt...

Enzensberger: Ja, dann gibt es die ganz Nackten, das sind die, die nackt gehen. Völlige Nacktheit, hier abgebildet: das ist ein Australier, ein lateinamerikanischer Indio und ein Papua.

Kluge: Das ist eigentlich im Prinzip eine Art der Weltaneignung.

Text: Alexander von Humboldts Kosmos / Hans Magnus Enzensberger über die Sehnsucht nach Wissen 

Enzensberger: Ja, sicher.

Kluge: Es gibt eine Weltaneignung: wenn Napoleon sich vorstellt, also Ägypten und damit kriegen wir die viertausend Jahre, die von den Pyramiden auf uns herabblicken, die haben wir eigentlich rückwirkend erobert.

Enzensberger: Im Modus der Macht ...

Kluge: Im Modus der Macht ...

Enzensberger: ...und das ist im Modus des Wissens und dann entsteht später im Jahrhundert der Slogan: „Wissen ist Macht“. Auch sehr interessant.