Transkript

Was ist Krieg?

Text: Was versteht Clausewitz unter Krieg? / Was meint der US-Präsident, wenn er von einem VERÄNDERTEN KRIEGSBILD des 21. Jahrhunderts spricht? / Was weiß man aus der Geschichte über KRIEGE, DIE NICHT ENDEN WOLLTEN? / Oskar Negt, Autor und Sozialforscher, über die neue Sprachverwirrung zum Begriff des Kriegs - -

Text: WAS IST KRIEG? / Oskar Negt über Konstanten und Veränderungen des Kriegs im 21. Jahrhundert

Alexander Kluge: Was ist Krieg?

Oskar Negt: Das ist natürlich ein sehr komplexer Begriff, aber Krieg, zum Beispiel in der Definition von Clausewitz, bedeutet die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Er versucht den Krieg als eine Struktur des Geschehens zu begreifen, in dem eine kriegführende Gemeinschaft einer anderen kriegsführenden Gemeinschaft den Willen aufzwingen will. Also er definiert das hier so: Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen. Nicht zu vernichten, sondern … Und als man Clausewitz fragt: Ja wie soll man eigentlich Krieg definieren? Ist das eine Kunst oder eine Wissenschaft? Sagt er, nein, weder Kunst noch Wissenschaft, sondern ist dem Handel vergleichbar. Dem Handel. Das bedeutet, dass zwei souveräne Subjekte etwas tauschen, und wie das eben bei Handelspartnern so ist, man kann den Handelspartner nicht umbringen, das ist Räuberei. Sondern Krieg ist eine Art Handel, in dem dann bestimmte Vorteile dadurch erzwungen werden, dass man den Willen des anderen lähmt, begrenzt, oder dem eigenen Willen unterwirft.

Text: Prof. Dr. Oskar Negt, Sozialforscher

Text: Carl von Clausewitz

Text: Die subjektive Seite des Kriegs

Kluge: Bloße Waffen, bloße Wetterverhältnisse entscheiden die Schlachten nicht. Sondern es kommt ein thumos, ein inneres Motiv der Kämpfer hinzu. Und das ist jetzt etwas, was ganz zeitgebunden bleibt. Das ist genau aus der Beobachtung der napoleonischen Kriege und der Französischen Revolution entstanden, der Heeresreform in Preußen entstanden.

Negt: Und natürlich der nationalstaatlich orientierten. Es sind keine Kabinettskriege mehr, sondern es sind durchaus, auch der Krieg von 1870/71, der Deutsch-Französische Krieg ist in dem Sinne kein reiner Kabinettskrieg mehr, aber hat noch viel an sich. Nachdem der Kaiser eingeschlossen ist, gefangen genommen ist, ist der Krieg zu Ende. Das ist ja in den Weltkriegen nicht mehr der Fall. Das heißt, da hat sich im Kriegsbegriff etwas geändert. Und wenn man heute gesagt hat, wie unser Bundeskanzler sagt: Das ist ein Krieg gegen die zivilisierte Menschheit, oder Bush etwas Ähnliches sagt, dann ist das eigentlich nicht zu verbinden mit Kriegsdefinitionen, die sich auf diese souveränen Formationen von Kriegsteilnehmern beziehen, also wo Armeen marschieren. Und weil in diesem Falle, im Clausewitzschen Falle bedeutet das ja, dass man den Kriegsgegner kennt, dass einer benennbar ist. Auch die NATO hat nie darin gedacht …

Kluge: Also asymmetrischen Krieg gibt es bei Clausewitz nicht.

Negt: Nein. Auch in den NATO-Definitionen bedeutet es ja, dass man den Kriegsgegner nicht erst finden muss, durch Geheimdienste oder so ausfindig machen muss. Sondern dass hier ein Staat oder ein Bündnis angreift mit formierten … mit Soldaten, mit Kriegsgerät, mit auch einer Kriegsabsicht und Kriegserklärung … Das ist ja in diesem Krieg gegen den Terrorismus ganz anders.

Kluge: Es gibt also gewissermaßen vor dem Dreißigjährigen Krieg, vor den Religionskriegen in Frankreich, gibt es sozusagen wirre Arten von direkter Gewalt. Das reicht vom Raubritter bis zu Invasionen, bis zu Landnahmen … es gibt alle möglichen Formen. Und unter dem einen Ergebnis des Leidens des Dreißigjährigen Kriegs, eines Kriegs, der nicht enden will, gibt es jetzt diese Definition, Hugo Grotius, Völkerrecht, De Jure Belli ac Pacis, und das hat auf der Gegenseite die Definition des Krieges. So dass also der Krieg nach Regeln vom Zweikampf abgeleitet wird von Clausewitz, Zweikampf zwischen Völkern, und dies nach Regeln, das heißt Vorteile, die dem Frieden dienen, die hinterher in einem Friedensschluss umgemünzt werden können in Handelsvorteile, wenn man so will. Kann ich nur machen, wenn mein Krieg irgendwie gerecht bleibt, irgendwie für Dritte verständlich ist, und für den Gegner ermöglicht, dass er seinen Willen unterwirft.

Text: KAPITULATION / Größte Errungenschaft des klassischen Kriegs / Pufendorf, Grotius, Kant

Negt: Also, das heißt, diese ganze Frage einer international und völkerrechtlich befestigten Verfahrensrationalität nimmt zu. Und das spielt natürlich eine große Rolle in den Naturrechtstheorien von Pufendorf, von Grotius, aber auch bei Kant, der gehört in diese Linie. Die Verfahrensrationalität zu vergrößern, wenn man den Krieg nicht verhindern kann, vielleicht auch nicht verhindern sollte. Dann bedeutet das, dass also entmischt wird, also zum Beispiel eine eindeutige Bestimmung von Menschen, die als Kämpfer auftreten, und Zivilbevölkerung. Das hört ja im 20. Jahrhundert auf. Die Zivilbevölkerung nimmt in der Zahl der Opfertoten ja ständig zu.

Text: Prof. Dr. Oskar Negt, Sozialforscher

Kluge: Also bei Bombenangriffen, Verbrennen von Städten, im Guerillakrieg genauso …

Negt: Aber das gilt natürlich genauso für die afrikanischen Kriege nach dem zweiten Weltkrieg. Drei Viertel aller Kriege nach dem Zweiten Weltkrieg sind interne Kriege, das heißt Bürgerkriege. Und bis 80, 90 Prozent ist die Zivilbevölkerung von diesen Kriegen betroffen.

Kluge: So dass man von einem Begriff des Krieges nur sprechen kann in der Form der Hoffnung, es gäbe so etwas wie die domestizierte Auseinandersetzung. Es ist eine Hoffnung der Völkerrechtler.

Negt: Ich würde sagen, wenn die Clausewitzsche Definition verschwindet, muss man den Kriegsbegriff so differenzieren, dass man ihn nicht mehr abdecken kann durch das, was einmal Krieg gewesen ist, sondern da muss man Gewaltformen, Aggressionen …

Kluge: … strukturelle Gewalt, Wirtschaftsgewalt …

Negt: Viele andere Dinge …

Kluge: Massaker, Eruptionen, Karambolagen, wenn man so will, Unfälle …

Negt: Und natürlich viele Elemente, die jetzt so mit Krieg verknüpft sind, sind innergesellschaftliche Strafexpeditionen, Polizeiaktionen. Einen Verbrecher zu finden wie Bin Laden, erfüllt den Tatbestand einer Polizeiaktion. So sucht man Verbrecher. Und darin unterscheidet sich jetzt diese Geschichte von der RAF, also von Baader-Meinhof nur wenig, dass im Grunde hier aus Erhöhung der eigenen Legitimität Krieg erklärt wird. Auch die RAF erklärte ja dem System den Krieg, und das ist nur ein symbolisch ungerechtfertigter Gebrauch des Begriffs des Krieges.

Kluge: Es ist eine Überschätzung. Es kann nicht ein Individuum sagen: Ich erkläre Krieg. Das kann auch Michael Kohlhaas nicht. Aber es kann auch ein Präsident der US nicht sagen: Dieses Geschehen erkläre ich als Krieg. Das würde auch nicht …

Negt: Das hat auch hier schiefe Legitimationsgründe, dass man jetzt einen Gegenkrieg in Gang setzen kann. Dass man gewissermaßen einen Verteidigungskrieg … das ist ja die Bushsche Argumentation, jetzt führen wir einen Verteidigungskrieg. Aber auch das ist nur eine sehr fragwürdige Verwendung des Kriegsbegriffs.

Kluge: Das hat mit dem Kriegsbegriff ganz wenig zu tun. Das hat zu tun mit dem Legitimationsbedürfnis, mit dem man Gewalt überhaupt rechtfertigt.

Negt: Auf beiden Seiten. Und im Grunde, indem Bush sagt, das ist ein Krieg, gibt er der Gegenseite die Möglichkeit, ihre Aggression als Heiligen Krieg zu erklären.

Kluge: Was die allerdings auch ohne seine Aussage machen würden. Auch wenn er gar nicht von Kreuzzug spräche, würden sie diese aggressive Note haben. Ist beides abstrakt.

Kluge: Wenn wir mal ein bisschen die Gleichzeitigkeit aller Formen des Krieges, das heißt aller Arten Gewalt auszuüben auf dem Planeten, mal beleuchten. Es gibt doch sozusagen die atavistischsten Clankriege, Nachbarschaftskriege, Massaker, neben hochstilisierten technologischen Kriegsformen, die über Satelliten ablaufen. Dann gibt es den Vorkrieg in jeglicher Form, das heißt der Raketenschild und diese ganze Planung ist ja eine Art von Vorkrieg. Aufhäufung von Rüstungsmöglichkeiten, um den Gegner, auch ganze Nationen wie China, in einen Nachteil zu versetzen. Das geht ohne Kriegserklärung, ist aber eine Kriegshandlung. So gibt es doch sozusagen die allermodernsten und allerältesten Formen auf dem Planeten gleichzeitig.

Negt: Ja. Man muss glaub ich wirklich den Substanzbegriff Krieg auflösen heute und in einen Relationsbegriff übersetzen. So hat Ernst Cassirer das einmal gesagt, man muss die Substanzbegriffe auflösen. Und dann bekommt man natürlich, viele Dinge werden erst erkennbar unterhalb dieser Kriegsdefinition, die doch eben sehr stark gebunden ist an bestimmte gesellschaftliche Formationen, nationalstaatliche Formationen. Und man kann in der Tat sehen, dass es einfach schlichte Rachefeldzüge zwischen Familien gibt. Also wenn man zum Beispiel die Familie von Schroffenstein, dieses Kleistsche Drama nimmt, dann ist das ein Vernichtungsfeldzug, Rachefeldzug von Familienclans, wo einer den anderen tötet und dann wiederum Legitimation hat, einen des anderen Stammes zu töten. Oder ganze Stämme bekriegen sich.

Text: Krieg in der Antike / Feinsteuerung vs. Grobsteuerung

Kluge: Also die Willenskraft, die in dem Läufer von Marathon steckt, der die Nachricht überbringt. Oder die in dem Entschluss, mit ganz kleinen Schiffen in einer Meerenge diese Riesenschiffe der Perser zu besiegen. Das sind alles sozusagen Formen der Feinsteuerung, kann man das so sagen?

Negt: Naja, und das hat natürlich schon etwas zu tun mit der erwachenden Rationalität, zum Beispiel bei den Vorsokratikern. Also die ionischen Städte entwickeln so etwas wie eine städtische Rationalität, eine Philosophie. Es sind nicht mehr die religiösen Mythen, die nur vorherrschen und bestimmen, sondern es gibt eine städtische Bürgerschaft, die erstens freiheitsbewusst ist, das heißt, die etwas zu verlieren hat …

Kluge: Die Lust am Leben besitzt, und es ausdrücken kann, Öffentlichkeit besitzt.

Negt: Ja.

Kluge: Und diese Seiten, die alle Feinsteuerung der Willenskraft enthalten, würden besagen: In den Köpfen dieser Menschen entscheidet sich die Schlacht. Die entscheidet sich nicht erst auf dem Schlachtfeld.

Negt: Das ist bestimmt richtig. Das liegt einmal in dieser strategischen Rationalität, das liegt andererseits an einem wachsenden Selbstbewusstsein einer griechischen Einheit. Also allmählich wachsen diese einzelnen poleis, diese Städte zusammen. Nicht in ihren … Die konkurrieren nach wie vor, und bekriegen sich auch. Aber in ihrem kulturellen Selbstverständnis als Griechen, als Griechisch sprechende Menschen, bildet sich allmählich so etwas wie eine Abgrenzung gegenüber den barbaroi heraus, also den Nicht-Griechisch-Sprechenden …

Kluge: Und wenn die kommen und sie übernehmen wollen, und sie in eine Verwaltung, die Verwaltung Kleinasiens überführen wollen, dann reicht der Einfallsreichtum, die Aggressivität, und die Feinsteuerung, um das abzuwehren. Das kann man doch festhalten, und das ist nicht mehr enthalten im Peloponnesischen Krieg. Was ist dieser Peloponnesische Krieg?

Negt: Naja, der Peloponnesische Krieg ist eine Auseinandersetzung von zwei großen Machtblöcken. Und in der Mitte der beiden großen rivalisierenden Städte, eben der Stadt des Perikles, Athen, und Sparta …

Kluge: Dauert Jahre über Jahre, und will nicht enden. Jetzt kommt die Pest hinzu. Die Menschen sterben, aufgrund des Krieges, aber an einer bakteriellen Krankheit, in Massen.

Negt: Aber die Pest ist nicht ausgelöst durch den Krieg, sondern kommt dazu. Und daran stirbt auch Perikles. 430, 431 beginnt der Peloponnesische Krieg. Und es ist natürlich eine ganz furchtbare Zerstörung, weil jetzt diese einzelnen Städte auch gar keine Kriegsziele mehr haben. Und der Peloponnesische Krieg gilt, so wie Thukydides den sehr eindrucksvoll beschreibt, als etwas, was in der Tat gar nicht mehr gerichtet ist auf den äußeren Feind –  einzelne Städte verbünden sich auch mit persischen Teilen –, und bewirkt eine ungeheure Zerstörung.

Text: Perikles (500 – 429 v. Chr.)

Kluge: Ähnlich dem Dreißigjährigen Krieg. Und es ist mehrfach so, dass die Kräfte völlig erschöpft sind, und es wird weitergemacht. Wie ein Schwelbrand.

Negt: Es wird weitergemacht. Und im Grunde werden die großen Polis-Gebilde zerstört. Es ist auch nicht zufällig, dass 399 dann Sokrates hingerichtet wird. Also 400/401 ist dieser Krieg zu Ende. Und Sokrates wird dann auch als ein Ersatzschuldiger genommen für die Misere dieser Stadt.

Kluge: Verführt die Jugend. Der denkt zu viel. Das können wir hier alles jetzt gar nicht gebrauchen. Das ist ja … wenn Marathon und Salamis sozusagen Glücksfälle des Verteidigungskriegs sind. Das heißt, eine Freiheit wird bewahrt offensichtlich. Eine Identität wird bewahrt, und der Krieg wird beendet, auch sehr rasch. Kann man sagen, bei diesen Schwelbrandkriegen, die sind das Fürchterlichste überhaupt. Und im ersten Weltkrieg steckt mitten in diesem vierjährigen Krieg ein solcher Schwelbrandkrieg, der nicht enden will.

Text: Kriege, denen der Frieden nicht gelingt

Text: Schlacht von Cannae (216 v. Chr.)

Kluge: Jetzt gibt es eine zweite Art von Krieg, denen der Frieden nicht gelingt. Also beispielsweise die Schlacht von Cannae ist ja berühmt dafür, dass sie einen totalen Sieg Hannibals über die Römer dokumentiert. Alle Feldherren wollten genau dieses Modell der Schlacht irgendwann einmal nachahmen. Entscheiden tut diese Schlacht überhaupt nichts. Er gewinnt alle Siege und verliert den Krieg. Ist doch auch etwas Charakteristisches.

Negt: Er trifft nicht das Zentrum. Er siegt, und er führt auch Verhandlungen. Er schickt zum Beispiel, das berichtet Cicero, auch gefangene Römer in den Senat, die verhandeln sollen, und die ein Ehrenwort gegeben haben, wieder zurückzukehren. Diese zehn Römer, neun kehren auch zurück, auch der zehnte. Aber der zehnte fühlt sich eben vom Eid entbunden, dass er zurückkommt, und weil er etwas vergessen habe, wieder nach Rom geht, und dort bleibt. Und der wird vom Senat zitiert und wird verurteilt, wieder ins Lager von Hannibal zurück. Cicero sagt: Solch eine Bedeutung hatte zu dieser Zeit der Eid. Auch der Eid gegenüber einem Feind ist bindend. Das sei ehrlos, diesen Eid … Das heißt, da ist auch ein kultureller Respekt. Und Hannibal hatte Angst, Rom anzugreifen, das Zentrum anzugreifen. Deshalb war dieser Sieg doch so etwas wie ein Etappensieg, oder eine Schlacht.

Text: Prof. Dr. Oskar Negt, Sozialforscher

Kluge: Wie man sagt, ein Pyrrhussieg. Und das ist ja, wenn du jetzt überlegst, gegen den Terror soll es einen Dreißigjährigen Krieg geben. Dann ist es auch sehr schwer, das Zentrum zu treffen. Man müsste ja im Grunde zwei ganz verschiedene Seiten besiegen, oder im Willen unterwerfen. Das eine sind die elenden Menschen, die leiden und jetzt Stellvertreter auslösen aus Millionärshaus oder aus gutbürgerlichem Hause, die stellvertretend jetzt Terror üben für die in Bangladesch oder in den Ghettos.

Text: Indirektheit der terroristischen Motive

Kluge: Da will ein Terrorist, dass keine Christen auf der arabischen Halbinsel herumlaufen und beispielsweise Ölgeschäfte betreiben. Er hat eigentlich Streit mit seiner eigenen Landesregierung, dem Land, aus dem er kommt. Und wendet es an ein Symbol des Marktes. Nicht gegen den Weltmarkt selbst, sondern gegen ein Symbol des Weltmarktes. Das sind schon sozusagen ebenfalls hohe Abstraktionen. Und auf der Ebene der Abstraktion kann man keine Schlachten gewinnen, egal von welcher Seite. Das kann man doch so sagen.

Text: G.W.F. Hegel (1770-1831)

Negt: Das ist richtig.

Kluge: Was sagt Hegel von der Abstraktion?

Negt: Also Abstraktionen in der Wirklichkeit geltend zu machen, heißt Wirklichkeit vernichten, hat Hegel einmal gesagt. Abstraktionen sind eigentlich wirklichkeitsvernichtende Dinge, nie produktive, aufbauende Sachen. Und das, was wir gegenwärtig als Realabstraktionen bezeichnen können, gleichsam der globalisierte Devisen- und Geldmarkt …

Kluge: … auf der einen Seite, und der Terroristenmarkt auf der anderen Seite …

Negt: Die haben jedenfalls das gemeinsam, dass sie in ihren konkreten Produktionszusammenhängen nicht verankert sind, sondern sie eigentlich auflösen und zerstören. Die eine Realabstraktion, indem sie tatsächlich so etwas wie autochthone, existierende Produktionsgebilde dem Weltmarkt zuordnet, aber die sind nicht konkurrenzfähig mit dem Weltmarkt. Und die anderen, dass sie im Grund in einer solchen symbolischen Politik etwas zerstören, was natürlich den amerikanischen Kapitalismus als Realität überhaupt nicht berührt.

Text: Immanuel Kant über “HAUSBAU DER VERNUNFT“

Kluge: Immanuel Kant hat ja gesagt, wir brauchen Wohnungen für unsere Erfahrung, neigen aber dazu Hochbauten zu errichten, die für die Erfahrung nicht geeignet sind, und uns darüber über Sprachverwirrung zu entzweien.

Text: TURM VON BABEL Sprachverwirrung

Negt: Das ist richtig. Die haben auch selber natürlich durch Gestik und Mimik und viele subsprachliche Elemente Verständigungsmöglichkeiten …

Kluge: Durch Missverständnisse, aber immer noch besser als durch eine Sprache. Und wenn ich jetzt die Globalisierungstendenz verstehe als die Einführung einer Sprache, und die Gegenbewegung Legitimationsprofite machen durch Rückgriff auf mittelalterliche Götter, dann hättest du zwei: eine profitgerichtete und eine legitimationsgerichtete Verwaltung, die hochabstrakt gegeneinander feuern. Und das ist nicht das Bild des Krieges, weil der Wille des anderen kann gar nicht unterjocht werden.

Negt: Nein. Weil auch in dem Sinne kein benennbarer Wille des anderen erkennbar ist.

Kluge: Und es kann auch kein Frieden geschlossen werden. Und ich kann auch nicht kapitulieren.

Text: WAS IST KRIEG? / Oskar Negt über Konstanten und Veränderungen des Krieges im 21. Jahrhunderts