Der Kunst-Schnüffler

Portrait von Jan Hoet, Leiter der DOKUMENTA in Kassel

Dauer:
00:45:10
Datum:
1 Jun 1992
Sendung:
News & Stories
Sammlung:
Heiner Müller
Mit:
Müller's circle: Jan Hoet

Beschreibung

Anlässlich der „documenta XI“ im Jahre 1992 unterhalten sich Alexander Kluge und Heiner Müller mit dem künstlerischen Leiter Jan Hoet, der im Vorfeld der Eröffnung die Welt auf der Suche nach neuen Ausdrucksweisen in der Kunst umreiste.

Zu Beginn kreist das Gespräch um Jan Hoets Aufenthalt in Afrika: Nach was sucht er dort? Wie kann man sich die Arbeit eines „Kunstdetektives“ vorstellen? Mit Blick auf die europäische Kunstgeschichte ergründen Müller, Kluge und Hoet zunächst die Herkunft des Interesses für orientalische Kunst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert und für die „primitive“ afrikanische Kunst im 20. Jahrhundert (Beispiele: Picasso, sowie formelle Ähnlichkeiten von Expressionismus und afrikanischen Skulpturen). Hoet führt als mögliche Erklärung das Bedürfnis nach nicht entfremdeter Kunst an und sieht die Faszination für afrikanische Kunst in der Magie, dem Ursprünglichen und Lebensnahen im Gegensatz zur Entwicklung eines intellektuellen und hieratischen europäischen Kunstausdrucks.

Geprägt durch die Sammlung afrikanischer Kunst seines Vaters und herausgefordert durch die wegweisende Pariser Kunstaustellung „Magiciens de la terre“ von Jean-Hubert Martin, reiste Hoet deshalb zu den Wurzeln der afrikanischen Kunst, auch um sich ein Bild von der afrikanischen Kultur zu machen. Dabei suchte er den direkten Kontakt zu den Künstlern, reiste durch verschiedene Städte mit einem Jeep, besuchte Künstler privat zu Hause und trat in Kontakt mit afrikanischen und europäischen Ethnologen und Anthropologen.

Hoet schildert auch die Schwierigkeiten bei seiner Suche nach Kunst vor dem Hintergrund der afrikanischen Kolonialgeschichte: ohne die gewohnte „westliche“ Infrastruktur, institutionelle Einbindungen und staatliche Organisation. So trifft er den afrikanischen Künstler Pili-Pili erst, nachdem er tagelang mit einem Afrikaner durch die Landschaft gereist ist.
Das Stichwort „Kolonialherrschaft“ bringt Kluge, Müller und Hoet auf die problembeladene kulturelle Konfrontation zwischen „dem Westen“ und Afrika. Betreibt Hoet als „Detektiv des Westens“ bei der Suche nach Kunst Ausbeutung? Hoet plädiert für einen offenen Umgang mit dem ungleichen Machtverhältnis und sieht in der historischen Kolonial-Last das europäische Gefühl von Mitleid und Paternalismus begründet. Anhand zweier Beispiele erläutert Müller die Unterschiedlichkeit der kulturellen Zeichensysteme und verdeutlicht die Schwierigkeit des gegenseitigen Verstehens. 

Auf seiner Kunst-Suche in Tokyo trifft Hoet ganz zufällig beim Einkaufen auf eine Ausstellung in einem Kaufhof und entdeckt einen indischen Künstler, der auf der Documenta vertreten ist.  Auch in New York hat er auf diese Weise einen Künstler für die „Documenta“ auf der Straße kennen gelernt. Kluge und Müller vertiefen aus verschiedenen Perspektiven die Auseinandersetzung darüber, was Kunst für Hoet bedeutet und nach welchem Raster er auf seinen Reisen danach gesucht hat. Kluge fragt: gibt es Kriegskunst? Mit Blick auf die ästhetische Rezeption kriegerischer Szenerie, beispielsweise bei Ernst Jünger, Wassili Grossman (das „schöne Farbenspiel“ von Stalingrad) oder der Fernsehberichterstattung vom Golfkrieg, geht es um das Thema: welche Rolle nimmt Kunst ein, wenn die Wirklichkeit als kunstvoll wahrgenommen wird? Kluge nennt Beispiele aus den Naturwissenschaften, wo Schönheit in der Wissenschaft („Prismen aus Eis“) auftaucht. Die zunehmende Sichtbarmachung der Wirklichkeit führe die Kunst zudem, so Müller, in eine „Krise der Abbildung“. Hoet sieht in der Kunst deshalb die Möglichkeit einer „Reduzierung des Spektakels“ – ganz im Gegensatz zu den inszenierten Fernsehbildern des Golfkrieges, die Illusion von Wirklichkeit erzeugen, das Eigentliche das Krieges aber gar nicht abbilden können. Während eines Krankenhausauenthalt sah Hoet die Bilder des Golfkrieges im Fernsehen und realisierte, dass so etwas wie Kunst sich nur in den kurzen Zwischenmomenten zeigte, wenn zum Beispiel die gefangenen Soldaten plötzlich nah im Bild erschienen: „die plötzliche, richtige Konfrontation mit dem, was tief in diesen Menschen steckt“. In diesem Sinne sei Kunst keine Inszenierung, sondern die Darstellung von Realität vor dem Hintergrund einer inszenierten Wirklichkeit. Die Überlegungen münden in der Bestimmung der Grundgesetze der Kunst, zu denen Hoet und Kluge Authentizität im Ausdruck, „in der Differenz von Material, Lebenserfahrung, Gegenstand, Existenz“ rechnen.