Transkript

Der Panther läuft immer schräg aufwärts

Text: 10 vor 11. TEN TO ELEVEN

Text: Prof. Erich Wonder (Wien) hat für Heiner Müller Bühnenbilder gemacht / Für die Müller-Inszenierungen 'Der Auftrag', 'Lohndrücker', 'Hamlet', und 'Tristan' / Er berichtet von dieser Zusammenarbeit und einer Haupteigenschaft Müllers: ER HAT ZEIT - -

Text: DER PANTHER LÄUFT IMMER SCHRÄG AUFWÄRTS / Bühnenbildner Erich Wonder über Heiner Müllers Zeitgefühl

Text Trauerbinde: Adieu Heiner Müller

Text: 16. Januar 1996

Erich Wonder: Ich seh das eher abstrakt, also der Sarg, wie er runtergeht ist nicht ein naturalistischer Vorgang, obwohl er real stattfindet. Aber für mich ist er absolut abstrakt. Es gab heute einen Moment bei dem Begräbnis, als die ehemalige Frau von Heiner Müller eine Whiskeyflasche nachgeschmissen hat auf den Sarg, und das hat auf einmal einen riesen Lärm gemacht, so wie eine Explosion. Und auf einmal war diese Mischung aus Abstraktion und Tatsächlichkeit, natürlicher Vorgang, weil Flaschenschmeißen ist ja ein natürlicher Vorgang, und die hat das zusammengebracht, diese Abstraktion und diesen realen Vorgang, und das fand ich spannend, erschaudernd ...

Text: Erich Wonder, Bühnenbildner

Alexander Kluge: Und alle haben sich gewärmt, ja. Sie froren entsetzlich, ja. Und haben sich gewärmt gegenseitig.

Wonder: Ja … ja … also ich glaub man friert auch nicht so in dem Moment, auch wenn's kalt ist, aber … ehrlich, ich hab komischerweise Begräbnisse immer im Winter, wenn's kalt ist. Also ich kenn kein Begräbnis im Sommer. Es muss kalt sein und neblig. Das ist schon auch eine Dramaturgie, finde ich.

Kluge: Welche Stücke haben Sie das Bühnenbild für Heiner Müller gemacht?

Wonder: Ich hab gemacht … das erste war “Der Auftrag”, das war in Bochum im Schauspielhaus. Und das war ein sehr lustiges Erlebnis, muss ich sagen, weil das … der Heiner ist, und das ist eine große Qualität gewesen, er ist kein Profi-Regisseur. Und das hat mich immer interessiert, also ...

Kluge: Was heißt das, er ist kein Profi-Regisseur?

Wonder: Naja, er ist nicht gelernter Regisseur, so genannter. Er probiert aus, und hat ein wahnsinniges Empfinden für Raum, für Leute und Menschen, und inszeniert nicht im klassischen Sinne. Und ich kenne sonst eigentlich nur Regisseure, die ihren Beruf ausüben und …

Kluge: Was nennt man eigentlich inszenieren? Verteilung der Menschen im Raum? Was macht ein Regisseur eigentlich professionell?

Wonder: Äh, ein professioneller …

Kluge: Ein Dirigent sorgt dafür, dass die gleichmäßig spielen, ja, nicht? Was macht der Regisseur?

Wonder: Naja, ein Dirigent macht schon mehr als nur gleichmäßig spielen, aber der Regisseur muss erstmal ordnen die ganze Geschichte, der muss das ...

Kluge: Verwaltet das Stück.

Wonder: … verwaltet das Stück; und dann kann er noch eine Sichtweise hineinbringen, die wie er meint, dass das so geschrieben ist. Aber der Heiner war eben … der hat alles nicht … er hat nichts erfüllt, was ein Regisseur erfüllt. Ich war am Anfang wahnsinnig irritiert, auch bei “Auftrag”, dann hab ich “Lohndrücker” gemacht, dann “Hamlet”, “Hamlet-Maschine”' und die Oper “Tristan und Isolde” in Beyreuth. Und ich hab am Anfang immer gedacht: Mensch, der sagt nichts. Findet er das schlecht, was ich mach, oder findet er das gut? Ich weiß es nicht. Und dann hab ich ihn gefragt: Wie findst du das? Dann: Hm, hm. Und dann war ich völlig irritiert, weil normalerweise der Regisseur sagt: Das ist toll, und dann kann ich das machen, und ich kann das machen, das machen … und der Heiner Müller hat das nicht gemacht. Also er hat auch ein anderes Künstlerverständnis gehabt, also er hat meine … wir haben gesprochen 'n paar Tage über das Ding, dann haben wir uns getroffen nach zwei, drei Monaten, und ich hab ihm das Bühnenbild gezeigt, und er hat das akzeptiert als Kunstprodukt sozusagen, als Kunstwerk, und hat auch nicht darüber geredet, bin ich dann drauf gekommen.

Kluge: Er sieht, ob er da mit seinen Worten daneben wohnen kann, ja oder da drin wohnen kann, ja. Möglicherweise auch einfach daneben wohnen kann, ja. Ob das Nachbarschaft ist.

Wonder: Ja.

Kluge: Aber Kunstwerke sind autonom für ihn.

Wonder: Absolut autonom.

Kluge: Es gibt keinen Oberherrscher, der sagt: Ich bin sozusagen Herr eines Gesamtkunstwerks.

Wonder: Ne, er hat gesagt: Der Bühnenbildner Soundso, hat das gemacht, also ist es. Und da ich den gut finde, stimmt das.

Kluge: Wie im Konzert der eine Sänger ja auch dem anderen nicht hineinsingt.

Wonder: Ja, so ähnlich. Also genauso. Während das traditionelle Verständnis vom Regisseur zum Bühnenbildner ist ja völlig anders.

Kluge: Direktor zu Abteilungsleiter.

Wonder: Direktor. Ja. Arbeiten, arbeiten … das, äh, muss so, funktioniert das so. Und ich hab dem ganz schwierige Sachen hingestellt, also wo ein normaler Regisseur davongelaufen wäre wahrscheinlich …

Kluge: Zum Beispiel?

Wonder: Na, Heiner hat gesagt bei “Auftrag”, er will einen schwarzen Panther haben. Hab ich gesagt, was, wie?

Kluge: Wie, also ein Raubtier?

Wonder: Ja, Raubtier, ja. Und … das ist die Geschichte … diese Fahrstuhlgeschichte mit dem … die im “Auftrag” vorkommt, das ist integriert im “Auftrag”. Und, hab ich gesagt, wie, was? Ja, weiß ich nicht, gemalt oder was weiß ich wie. Und dann geh ich in den Zoo in Bochum, hab ich gesagt: Ich möchte einen Panther haben, einen schwarzen. Und dann hab ich ihm den … der Intendant hat gesagt: Ihr spinnt, ihr könnt keinen Panther machen, in den Zuschauerraum geben, ich möchte mitten im Zuschauerraum keinen Panther haben. Und der Heiner hat gesagt: Ja, ein Panther. Ein echter Panther. Und das musste er dann inszenieren. Und der Panther hat gemacht was wir wollten.

Kluge: Wieso, der gehorcht doch nicht, der Panther.

Wonder: Doch! Der hat … ich hab ja einen Laufsteg direkt durch den Zuschauerraum gebaut, so dass die Leute, die links saßen, nicht sehen konnten, wer rechts sitzt und umgekehrt. Und … einen durchsichtigen Laufsteg für den Panther.

Kluge: Lief er da in Glas oder in Maschendraht?

Wonder: Das war … Fliegendraht war das.

Kluge: Fliegendraht?

Wonder: Fliegendraht.

Kluge: Er hätte es aber mit seiner Pratze durchbrechen können.

Wonder: Ne.

Kluge: Nein.

Wonder: Vielleicht. Weiß ich nicht. Aber ich wollte etwas verschwommen ihn haben, ich wollte nicht so offen haben, sondern leicht verschwommen, dass man nicht genau sieht.

Kluge: Im Zirkus wird doch ein riesen Gitter gebaut eigentlich, bevor der Panther reingelassen wird.

Wonder: Ja, es gibt schon ein Grundgitter, aber sonst war Fliegendraht. Und dann haben wir den Panther unten reingetan; das war ein etwas junger Panther, und der Zoodirektor hat gesagt: Ja, ist kein Problem, er ist ein junger Zoodirektor, der ist mit ihm aufgewachsen, mit dem Panther, er lebt bei ihm in der Wohnung. Und dann hat er ihn unten reingesteckt, und wir haben ein Gitter gemacht, und Heiner hat gesagt: Eine Opernmusik muss her, und bei dieser Opernmusik muss der Panther durch den Zuschauerraum gehen. Und alle haben gesagt: Ihr spinnt, und das geht doch gar nicht. Und dann haben wir das ausprobiert, und dann klappte das immer.

Kluge: Der ging sehr dramatisch.

Wonder: Der ging durch den Zuschauerraum, und dann hab ich mich erkundigt warum, und zwar wollte der immer schlafen, der Panther. Und Panther schlafen immer auf kahlen Bäumen ganz oben.

Kluge: Ach der geht aufwärts.

Wonder: Also gehen sie immer rauf. Und das hat, das klappt, weiß nicht, in zwanzig, dreißig Vorstellungen, und der Panther ging auf Opernmusik Stichwort immer durch den Zuschauer – wie wir wollten, weil der sich oben dann wieder hingelegt hat. Also er ging nach oben schlafen.

Text: Laufsteg des Panthers

Text: Der Panther

Text: Wovon handelt “Der Auftrag”?

Kluge: Erzählen Sie kurz mal den Inhalt des Stücks. “Der Auftrag”, ja?

Wonder: Ich weiß das gar nicht mehr so genau.

Kluge: Drei Abgesandte der Französischen Revolution, ja, kommen in die Karibik.

Wonder: Ja, also es gibt die Geschichte ...

Kluge: …die sollen Sklavenaufstände gegen die Engländer entwickeln. Inzwischen wechseln die Regime, ja, und der revolutionäre Auftrag ist erledigt. Und jetzt kämpfen sie miteinander. Ist das richtig?

Wonder: Ja, ich weiß nicht, das weiß ich nicht … ich find viel spannender die Vorgeschichte, die niemand weiß. Und zwar, ich hab, ich war ein oder zwei Jahre davor bei Heiner hier in seiner Ostberliner Wohnung, und hab gesagt: Ich möchte einen Text haben für eine Freiaktion, die ich vorhabe. Und da hat er gesagt: Jaaa, und so, und wir warteten, und dann hat er aus der Hose einen Zettel gezogen. Und da, hat er gesagt, da steht, da hat er vorgelesen, er hat sich einen Traum notiert. Und zwar war der Traum, dass er zu Honecker musste. Und … ein echter Traum, also nicht erfunden vom Dichter, sondern nur notiert. Und hat mir diesen Traum erzählt, den ganzen. Und ich wollte den umsetzen, hab das aber nicht geschafft, ich wollte das ohne Worte machen, und das ging nicht. Und so ist das Stück für mich eigentlich entstanden. Also die politische Tatsache hat mich überhaupt nicht interessiert eigentlich.

Kluge: Und Sie haben nach wie vor, ja, ohne Rücksicht auf den Text, den Heiner Müller inzwischen geschrieben hatte, ja, seinen Traum verfilmt.

Wonder: Ja, ich hab das praktisch gemacht, und … man darf nicht eingehen auf eine Story, glaub ich, also wenn man einen Raum macht. Wenn man als konventioneller Bühnenbildner illustriert und Kulissen macht, das ist was anderes. Aber ich hab versucht, oder versuche, in solchen Situationen Räume zu machen, die eine eigentständige Wirkung haben …

Kluge: Ist das ein Raum für die ganze Zeit?

Wonder: Ein Raum für die ganze Zeit. Und dann gabs noch ein Stichwort von Heiner, der hat gesagt: Die Zuschauer sind Voyeure. Und da hab ich gedacht: Aha, und hab den Zuschauerraum eingepackt und hab das Portal verpackt und hab nur ein Dreieck übriggelassen. Die Zuschauer schauten immer durch ein Dreieck hinein und haben Schauspieler gesehen oft bis nur zu den Knien oder halb oder ganz, je nachdem wo die waren.

Kluge: Ach, das Stück ist teilweise verborgen.

Wonder: Ja.

Kluge: Sozusagen eine Fantasie-Einstellung …

Wonder: Es war im Off, zum Teil.

Kluge: … und man muss sie sich vervollständigen.

Wonder: Ja. War im Off, zum Teil. Und ich hatte dann kein … ich brauchte kein Bühnenbild mehr. Durch diesen Einfall, dass ich das Portal weggemacht hab und ein Dreieck draus gemacht hab, war eigentlich die Situation da, die er brauchte. Es hat dann geschneit, geregnet, es waren Naturereignisse.

Kluge: Das haben Sie gemacht.

Wonder: Ja.

Kluge: Aber man sah immer nur das Dreieck.

Wonder: Es .. es, nur das Dreieck, und das wurde dann auch zugemacht, das Dreieck, oder aufgemacht. Aber es gab kein Bühnenbild im klassischen Sinne.

Kluge: Aber so die Naturgewalten würden Sie bringen, ja, nicht.

Wonder: Ja, es war alles nass und Nebel und Regen und … und dann wollte er, dass ein Konzertflügel vorkommt, und ich hab gesagt: Naja, der müsste pendeln. Im Schneetreiben muss ein Konzertflügel pendeln, wie ein Pendel, und dann …

Kluge: Aber wie macht man das?

Wonder: Na, und da haben wir, da die Bühne zu klein war, haben wir einen Konzertflügel perspektivisch gebaut, der war nur 50 cm tief, aber die Zuschauer dachten, das ist wirklich ein 3 Meter 20 langer Flügel. Und der hat im Schneetreiben gependelt richtig. Und um solche Sachen ging's da. Also was mich interessiert hat, war das Deutsche Theater, zum Beispiel. Das wurde grad renoviert von der Regierung, in Gold und rotem Samt. Und wenn man hingegriffen hat auf den roten Samt, war hinten Beton. Im Westen ist da hinten noch eine Stoffunterlage. Es war alles billig. Und dann gab es diese Schiebetüren noch, die glaube ich Goebbels sich machen hat lassen, damit er, wenn alle Leute drin waren, hineinkonnte, und die Schiebetüren zugemacht, und er hat einen Gang in seine Loge. Und das gabs alles noch. Und das war das Lieblingstheater von Honecker. Und das hat mich interessiert, darauf zu reagieren. Und ich hab das Theater gestört. Ich wollte es ein bisschen kapputt machen. Ich hab eine Eisenschiene gebaut, die ging von der Hinterbühne bis zum Lüster, bis in die Mitte des Zuschauerraumes, und hat einen wahnsinnigen Lärm … und darauf fuhren Wagen mit einem wahnsinnig grellen Licht und Lautsprecher und hat ... auf Stahlplatten, und das hat wahnsinnig gerattert, und einen Lärm gemacht, und mit einer Kette ...

Text: → Pendelnder Flügel

Text: Bühnenbild zu Lohndrücker / “Zerstörung des Deutschen Theaters”

Text: Erich Wonder, Bühnenbildner

Kluge: Ach, Sie haben mit einer [UNVERSTAENDLICH] sozusagen.

Wonder: Ich hab diesen Samt und das Brokat gestört. Das als erster hier das kapputt gemacht.

Kluge: Durch Industrie.

Wonder: Ja, das hat mich interessiert. Mich interessiert eben nicht diese … die Inhalte des Stückes, sondern die Situation.

Kluge: Ein Eisenfahrzeug auf Eisenmaschine in gefährlicher Erstreckung ...

Wonder: Über die Köpfe der Zuschauer ...

Kluge: Über die Köpfe der Zuschauer bis zum Lüster …

Wonder: Und ich wusste ja, dass in der ersten Reihe die ganzen Regierungsleute sitzen. Und das hat mich interessiert. Das Zerstören. Das Zerstören. Und … ich bin jetzt aber gesprungen, ich bin jetzt bei “Hamlet”, bei “Hamlet”, bei “Lohndrücker” hab ich ...

Text: Eisenschiene bis zur Mitte des Zuschauerraums

Text: Hamlet

Kluge: Das war “Hamlet” jetzt, was Sie jetzt erzählt haben.

Wonder: Das war “Hamlet” jetzt, ich bin jetzt gesprungen …

Kluge: Und jetzt mal dieses “Hamlet” jetzt weitererzählt.

Wonder: Ja, und … äh, und dann gibt es hier ...

Kluge: Ist das dieser große “Hamlet”, den er 1989 gemacht hat?

Wonder: Ja, ja, der Sieben-Stunden-“Hamlet”.

Kluge: Sieben Stunden.

Wonder: “Hamlet”, “Hamlet-Maschine”.

Kluge: Während draußen also die Zeitgeschichte tobt.

Wonder: Ja also das hat begonnen in der BRD, ne, in der DDR, und die Premiere war in der BRD. Also da war Probenzeit über sechs Monate, und die Vorbereitung war ein Jahr. Und das war spannend zu sehen, also ich musste diesen Grenzübergang dauernd machen, und wir haben … und bin dann mit Ulrich Mühe, dem Hamlet-Darsteller bin ich durch die ehemalige S-Bahn gegangen, und da waren noch Volkspolizisten, die haben gesagt: Können Sie ruhig durchgehen. Und Ulrich Mühe hat gesagt: Auf dem Wachturm war ich als Soldat, unser Hamlet-Darsteller, da hab ich meine Magengeschwüre bekommen. Das hat sich auf einmal aufgelöst, aber grad in der Zeit, wo keiner richtig wusste, wo diese … dieser erste ...

Kluge: Wie kommt das, dass das sieben Stunden lang ist, das Stück?

Wonder: Na, der Heiner hatte ein Konzept. Der hat gesagt, das beginnt als Eiswürfel und endet als Brühwürfel, haben wir immer gesagt, der Spaß endet in der Wüste. Und das wollte er zeigen, diese Idee. Und dazwischen in der Mitte war “Hamlet-Maschine” quasi eingebunden. Und das Komische war, dass uns zu dem “Hamlet” von Shakespeare sehr viel einfiel, nur zur “Hamlet-Maschine” fiel uns überhaupt nix ein.

Kluge: Kam nur wenig, ja?

Wonder: Ich hab gesagt, mir fällt nix ein, und ihm fällt auch nichts ein. Zu seinem eigenen Stück fiel uns nichts ein.

Kluge: Aber es war der Katalysator … es war aber der Katalysator, dass einem zu “Hamlet” sehr viel mehr einfällt, ja, als man normalerweise inszenieren würde.

Wonder: Ja, ja, aber haben Sie ja in der Mitte.

Kluge: Es ist ein riesen Kommentarwerk eigentlich, nicht, zu “Hamlet”.

Wonder: Ja, ja, aber deshalb funktioniert … also wir haben keine eigenständigen Szenen zustande gebracht von “Hamlet-Maschine”, jetzt, sondern es war nur eingebaut in dieses Gesamtkonzept.

Kluge: Aber wenn Sie da so als Zerstörungsgenie da auftreten, ja, und dauernd also irgendwie Räume gegen den Strich umbilden, ja, und das Ganze in einer doch sehr unruhigen politischen Landschaft – draußen passiert ja eigentlich wie in einem Zeitraffer, ja, nicht, die sogenannte Wende, ja, nicht … die Geldreform.

Wonder: Ich hatte eine Kamera immer bei mir und ich habe fotografiert, und ich hab zum Beispiel, wenn ich … von der Toilette aus konnte man … Honecker wurde mit Krebs eingeliefert in die Charité, ganz oben ...

Kluge: Das konnten Sie sehen.

Wonder: Konnte man sehen von der Toilette aus. Und ich hab da … wenn ich raus ging, ging ich in das Toilettenfenster und hab da immer die Charité oben fotografiert so.

Kluge: Aber – neugierig auf das außen, aber gleichzeitig sitzen Sie hier wie in einem Panzerwagen, ja, und fahren, der hat ne hohe Fahrgeschwindigkeit, ja, weil Sie ja dauernd hier jetzt das Gebäude gegen den Strich bürsten, ja, und wie Sie das jetzt aus, was Sie da machen? Sieht das aus wie “Tristan”-Bühnenbilder?

Wonder: Nein, also ich hab versucht, äh, eine Kargheit zu behalten, aber trotzdem ein großes Raffinement, also wie man mit Illusionsmalereien arbeiten kann. Also sehr unaufwändig, aber … schon … äh, ich hab nicht Heiner Müller gemacht, ich hab eigentlich das Gegenteil gemacht. Also ich bin nie … auf Heiner Müller, wie das die Vorstellung ist für Leute, eingegangen. Das hat mich nie interessiert. Ich hab einfach was gemacht, was ich meinte …

Kluge: Er geht ja auf Sie auch nicht ein, sondern es ist ein … so wie Eisblöcke, ja, die zusammenwachsen, ja, nicht, so sind hier jetzt mehrere Kunstwerke bilden eine Naturcollage. Kann man das so sagen?

Wonder: Ja ...

Kluge: Oder eine Toleranz zueinander, eine Stadt.

Wonder: Ja, eine Toleranz. Also es ist nicht im Sinne einer ausgewogenen Inszenierung, überhaupt nicht.

Kluge: Beschreiben Sie mal die letzte Szene. Die letzte Szene. Die letzte Szene bei Heiner Müller hat ja immer für ihn eine besondere Bedeutung, ja? Vorher gibt es ... in der vorletzten Szene gibt es Bestechung des Zuschauers, äh, ein Geschenk an die Schauspieler, dass sie sich mal richtig austoben können, ja, das was richtiges Schauspielerisches kommt, ja, vielleicht noch 'ne Musikeinlage – das heißt, er ist freundlich in der vorletzten Szene und hart in der letzten. Wie ist das hier gewesen?

Wonder: Ich weiß noch die vorletzte.

Kluge: Was war das?

Wonder: Das war die Grabszene mit den Totengräbern.

Kluge: Was ist da?

Wonder: Also da hab ich einen Prospekt gemacht, das war eine der wenigen Elemente, die dekorativ waren mit einer Kameraeinstellung von unten aus dem Grab. Also die spielt eigentlich in einem verdrehten Blickwinkel. Also dass man im Grab liegt und nach oben guckt. Also das kann ich mich noch erinnern. Und die ganz letzte Szene weiß ich nicht mehr, die … die spielte eigentlich bei uns in einer Art Wüste. Wir wollten zuerst … Er wollte zuerst Krokodile haben, und so … Tiere … und das haben wir dann natürlich nicht gemacht, aber wir haben zum Beispiel einen roten Sand gemacht dann, und da ist … die Ophelia ist gestürzt, hat sich schwer verletzt und hat geblutet, und es gab nur giftige Farben hier zum Einfärben, und dann mussten wir in den Westen fahren mit dem Auto, und haben ungiftige Farben geholt von der Oper, und die waren sehr teuer und die hatten kein Geld hier, und da haben die im Westen gesagt: Wenn wir Eisenbahnbohlen bringen eine Ladung, einen Lkw voll Eisenbahnbohlen, dann kriegen wir die ungiftigen Farben für den Wüstensand zum Beispiel.

Kluge: Und so wurde Naturalientausch gemacht.

Wonder: Ja, also wir haben die ganze Beleuchtung …

Kluge: Wozu wollten die die Eisenbahnbohlen haben?

Wonder: Das weiß ich nicht.

Kluge: Auch irgendeine Inszenierung.

Wonder: Wollten die haben. Also wir haben die ganze Beleuchtung auch zusammengesammelt, was die in den Daten gar nicht wissen heute noch, haben wir alles Abfälle zusammengeholt und hier zusammengebaut, und Stoffe auch mit Koffer rübergetragen selber, um das überhaupt zu ermöglichen. Weil die haben nämlich gesagt - ich hab gesagt, ich will einen schwarzen Stoff haben, haben sie gesagt: Naja, es gibt einen schwarzen Stoff vielleicht in einem halben Jahr, weil ihre Firma in Dresden macht das, aber die legen sich nicht fest, die machen nur braunen Stoff jetzt. Hab ich gesagt: Aber die Premiere ist ja jetzt bald, ich brauch einen schwarzen Stoff. Und dann sind wir in ein Westtheater gegangen und haben aus Abfällen Sachen gesucht. Auch das Bühnenbild von “Lohndrücker” war nicht machbar, und dann … sie hatten kein …

Kluge: Sie waren ja wie ein Schwarzhändler gleichzeitig.

Wonder: Ja wirklich, es war wie nach dem Krieg, meine Eltern, als die Speck geschmuggelt haben. Und dann war Bauprobe “Lohndrücker”, und da gab es keinen Stoff. Und dann haben sie gesagt: Sie haben keinen Stoff, es gibt nichts. Ich wollte einen silberglänzenden alten Stoff haben. Und dann ging ich … haben wir gesagt, ja, wir brechen das ab, und dann ging ich in den Hinterhof, und da war ein Ziegelhaufen, und der war zugedeckt mit einer Plane, so ner Lkw-Plane. Hab ich gesagt: Das ist doch der Stoff, den nehmen wir. Hab ich gesagt. Ja, das ist überhaupt kein Problem, das ist ein Militärprodukt, da kann ich Hunderte Meter haben.

Text: Charakter Heiner Müllers / Seine Fähigkeit, zu warten - -

Kluge: Wenn Sie einmal den Charakter von Heiner Müller beschreiben beim Arbeiten, beim Inszenieren, wie Sie ihn kennen gelernt haben.

Wonder: Also er kämpft nicht in dem äußerlichen Sinn von Kampf, sondern er wartet ab. Und das hatten alle Leute hier, die haben alle gewartet. Also es gab kein Zeitmaß. Also es gab hier … also, wo man, wo ich völlig irritiert war am Anfang, es gab kein Zeitmaß. Also wenn Freunde von Heiner im Zuschauerraum saßen, und ich hab mich davor gestellt, und hab das ausprobiert, so dass sie nichts sehen konnten. Setzt sich … jemand aus dem Westen hätte sich daneben gesetzt, um zu sehen. Die blieben aber sitzen und haben in meinen Rücken geschaut. Die haben halt nichts gesehen eine halbe Stunde. Also es gibt ein anderes Zeitmaß gab es da. Und der Heiner hat ...

Text: Erich Wonder, Bühnenbildner

Kluge: Die haben nichts gesehen, weil Sie davor standen.

Wonder: Ja, ich hab mich extra vor sie gestellt, so dass sie wirklich nichts sehen konnten.

Kluge: Und haben sich nicht die Mühe gemacht, seitlich …

Wonder: Nein. Sie gehen nicht einen Sitz weiter. Die haben Zeit. Die haben Zeit. Also …

Kluge: Und das lässt …

Wonder: Und Heiner Müller hatte auch Zeit. Er hatte ein anderes Zeitverhältnis auch. Das sieht man auch im “Tristan”, finde ich. Dass er nicht Eile hatte zu inszenieren, sondern er hat gewartet.

Kluge: Er hat ja sehr viel inszeniert, eigentlich, was man erst bei den Großaufnahmen sah, ja, wenn man es filmisch aufnimmt.

Wonder: Ja, das würde ja völlig … nicht wahrgenommen.

Kluge: Die Sänger machen sehr viel, ja, das ist nur in der Totale nicht zu sehen.

Wonder: Ja, das haben alle missverstanden

Text: DER PANTHER LÄUFT IMMER SCHRÄG AUFWÄRTS / Bühnenbildner Erich Wonder über Heiner Müllers Zeitgefühl

Text: 10 vor 11. TEN TO ELEVEN