Der Panther läuft immer schräg aufwärts

Bühnenbildner Erich Wonder über Heiner Müllers Zeitgefühl

Dauer:
00:24:07
Datum:
3 Jun 1996
Sendung:
Ten to Eleven
Sammlung:
Heiner Müller
Mit:
Müller's circle: Erich Wonder

Beschreibung

In diesem Interview spricht Alexander Kluge mit dem österreichischen Bühnenbildner Prof. Erich Wonder über seine Zusammenarbeit mit Heiner Müller. Wonder baute für Müller unter anderem das Bühnenbild für die Stücke „Der Auftrag“, „Lohndrücker“, „Hamlet“/ „Hamlet-Maschine“ und „Tristan“.

Das Gespräch beginnt mit einer Reflexion über Müllers Begräbnis, das am selbigen Tag in Berlin stattgefunden hat und bei dem beide Gesprächspartner anwesend waren. Es war entsetzlich kalt und alle froren, aber haben sich gegenseitig „gewärmt“. Während der Zeremonie warf Müllers ehemalige Frau dem Sarg eine Whiskeyflasche hinterher, die mit ohrenbetäubendem Lärm zerschellte. Wonder beschreibt diesen Moment als „Mischung aus Abstraktion und Tatsächlichkeit“, als „spannend, erschaudernd“.

Im zweiten Abschnitt spricht Kluge mit Wonder über die Stücke, die in der Zusammenarbeit mit Müller entstanden. Nach Wonder unterschied sich die Arbeit mit Müller deutlich von der mit anderen Theaterregisseuren - Müller sei seiner Ansicht nach kein „Profi-Regisseur“ und gerade deshalb schätze er die freie und zum Teil irritierende Kollaboration sehr. Für Müller waren künstlerische Arbeiten immer absolut autonom.

Kluge beschreibt Müllers Form des Zusammenbringens des eigenen Texts mit externen Einflüssen, z.B. Wonders Bühnenbildern, mit den Worten: „Er sieht, ob er da mit seinen Worten daneben wohnen kann, ja oder da drin wohnen kann [...]. Möglicherweise auch einfach daneben wohnen kann [...]. Ob das Nachbarschaft ist.“.

Die Frage nach Realisierbarkeit und geläufigen Inszenierungsnormen scheint Müller während des Entstehungsprozesses seiner Stücke nicht besonders interessiert zu haben. So entstanden Aufführungen, bei denen beispielsweise wilde Raubkatzen auf der Bühne umherliefen und Wonder - aufgrund Müllers Stichwort: „Die Zuschauer sind Voyeure“ - sich entschied, den Zuschauerraum und das Portal „einzupacken“ und dem Betrachter zum Schauen nur ein Dreieck übrig zu lassen, innerhalb dessen es mitunter auch regnete und schneite. Zu sehen war je nach Perspektive des Zuschauers und Position des Akteurs ein jeweils anderer und sich verändernder Bildausschnitt. Daher war kein Bühnenbild - im klassischen Sinne - mehr vorhanden und auch nicht vonnöten („Der Auftrag“, Erstaufführung im Jahr 1980 an der Berliner Volksbühne).

Im letzten Teil des Gesprächs fragt Kluge nach dem Charakter Müllers beim Inszenieren, den Wonder als Gegenteil eines Kampfes beschreibt – er warte ab. Das “Warten” habe er nicht nur bei Müller selbst beobachtet, sondern auch bei den Menschen, die ihn umgaben - für sie gab es kein festes Zeitmaß. Wenn Freunde von Müller die Proben besuchten, stellte sich Wonder manchmal aus Interesse mit dem Rücken genau vor sie, um zu sehen, was geschehen würde. Doch sie blieben einfach sitzen und warteten ab – für Menschen aus dem Westen undenkbar, so Wonder. Besonders zeige sich das Zeitverhältnis Müllers in seiner „Tristan”-Bearbeitung, bei der er keine „Eile hatte zu inszenieren“ (Wonder).