Kaiser Maximilian von Mexiko

Dauer:
00:15:11
Datum:
13 Jun 1993
Sendung:
Primetime
Sammlung:
Heiner Müller
Mit:
Müller's circle: Dana Rodberg

Beschreibung

In dieser "Prime Time"-Sendung Kluges geht es um ein bemerkenswertes Kapitel der europäischen Kolonialgeschichte: das seinerzeit viel diskutierte Schicksal vom österreichischen Kaiser Maximilian (1832-1867) in Mexiko.

Auf Betreiben des französischen Kaisers Napoleons III. ließ sich Maximilian von 1864 bis 1867 als Kaiser von Mexiko inthronisieren. Doch seine Amtszeit endete tödlich: Maximilian wurde gefangen und auf Befehl von Benito Juarez standrechtlich erschossen. Zu Beginn der Sendung werden Bilder des Erschießungskommandos und des toten Kaisers gezeigt.

Wie reagieren die Mexikaner auf die Invasion eines österreichischen Kaisers? Wer war Benito Juarez? Über die mexikanische Perspektive auf Maximilians Schicksal spricht Kluge mit der Regisseurin Dana Rodberg. Sie erläutert, Kaiser Maximilian sei in Mexiko ein Fremdkörper gewesen. Benito Juarez hingegen, ein Bauer aus der Provinz, schon vom Erscheinungsbild durch und durch mexikanisch und eine „Antithese zum europäischen Schönheitsideal“, entsprach viel eher der mexikanischen Mentalität.

Das zweite Gespräch mit dem Dramatiker Heiner Müller erlaubt einen anderen Blick auf die Hintergründe von Maximilians Schicksal. So beschreibt Müller Napoleon III als „Regisseur der Geschichte“, der Maximilian in Mexiko inszeniert habe. Maximilian sei ein noch pubertierender junger Mann gewesen, der sich einreden ließ, er könne in Mexiko eine humanitäre Mission verwirklichen.

Das Thema „Inszenierung“ erinnert Müller an seine Reise nach Bukarest und die Besichtigung der wahnsinnigen Bauprojekte von Nicolae Ceaușescu („Babylon-Hollywood“), der von 1965 bis 1989 Diktator der Sozialistischen Republik Rumänien war. In der ältesten orthodoxen Kirche in Bukarest trifft Müller auf eine rumänische Frau, die ihn französisch reden hört und fragt, wo in Frankreich der Tempel der Jeanne d’Arc zu finden sei. Sie sieht in ihr die Retterin der Monarchie und in der Monarchie die Rettung Rumäniens. Für Müller ist diese Ansicht einleuchtend. Schließlich sei ein direkter Übergang von der Diktatur in die Demokratie für Rumänien nicht wünschenswert: Was man in Rumänien unter Demokratie verstünde, so Müller, sei eine „nackte Katastrophe“. Kluge fragt: Muss das Jahrhundert nachsitzen, nochmal wiederholt werden? Zustimmend kann Müller sich die Monarchie für eine Übergangszeit in Rumänien vorstellen. Vergleichbarer politischer Nachholbedarf treffe seiner Ansicht auch auf Russland zu.