In den Ruinen der Moral tätig

Heiner Müller über die "Annalen" des Tacitus

Dauer:
00:24:06
Datum:
17 Apr 1989
Sendung:
Ten to Eleven
Sammlung:
Heiner Müller
Mit:
Heiner Müller

Beschreibung

Mit Zitaten aus den Annalen des Geschichtsschreibers Tacitus tauchen Alexander Kluge und Heiner Müller in die römische Kaiserzeit ein, sprechen über die Modernität von Tacitus Prosa und thematisieren Grenzfälle juristisch sanktionierter Ungerechtigkeit. Nachdem Müller einen Abschnitt über den Tod des Tiberius (37 n. Chr.) und seinen Nachfolger Caligula Cäsar gelesen hat, thematisieren Kluge und Müller Tacitus’ Auffassung von der "Aufgabe der Geschichte" als Lehrmeisterin von Tugenden und Mahnerin vor schlechtem „Reden und Tun“. Tacitus Sprachstil, den Müller im Vergleich zu dem römischen Geschichtsschreiber Livius als "Übergang von Chronik zu Literatur" beschreibt, interessiert ihn mehr als die historischen Aspekte seiner Geschichtsschreibung: Die Kondensation von Sprache, die kurzen Absätze, das Auslassen von Informationen ("elliptische" Erzählweise), der "Lakonismus und Manierismus", so Müller, seien formale Mittel, um Erfahrungen, die einen sonst sprachlos machen, trotzdem in Sprache mitzuteilen. Die Metapher als Mittel, auch das nicht Greifbare und Widersprüchliche sprachlich zu bündeln, spielt in dieser Hinsicht eine besondere Rolle. Ein weiterer Auszug aus Tacitus‘ Annalen, in denen es um die grausame Erdrosselung von Sejans (Hauptratgeber von Tiberius) minderjährigen Kindern geht, bringt Kluge und Müller auf das Thema Politik und Recht: Gibt es Ungerechtigkeit auf Rechtsgrundlage? Weil Sejans Tochter noch Jungfrau ist und folglich nach römischer Rechtslage nicht zum Tode verurteilt werden darf, vergewaltigt der Henker sie, bevor er sie erdrosselt, wodurch die Rechtordnung auf seltsame Art bewahrt und gleichzeitig umgangen wird. Müller erzählt eine Episode aus dem ersten Kapitel von Aleksandr Beks "Wolokolamsker Chaussee" als Beispiel für einen weiteren bemerkenswerten juristischen Fall: "die Bestrafung einer Nicht-Tat". Müller ist der Überzeugung, dass Politik, negativ gedeutet, eine Praxis der selektiven Auslegung des Rechts sei; die wirkliche Politik hieße nach Kluge: "alles aussprechen".