Lesebuch für Städtebewohner Ost

Dauer:
00:24:05
Datum:
18 Dez 2000
Sendung:
Ten to Eleven
Sammlung:
Heiner Müller
Mit:
Müller's circle: Thomas Heise

Beschreibung

In dieser Sendung der Reihe „10 vor 11“ spricht Alexander Kluge mit dem in der DDR aufgewachsenen Film- und Theaterregisseur Thomas Heise über seinen im Jahre 2000 veröffentlichten Dokumentarfilm „Neustadt (Stau - Der Stand der Dinge)“.

Neustadt wurde ursprünglich als ein an Halle angegliedertes Wohngebiet für die Arbeiter der großen Chemieindustrie in Leuna und Schkopau neu gebaut („Chemieprogramm der DDR“, seit 1958).

Heise portraitiert in seinem Film das besondere Schicksal einer Stadt, die ihren ursprünglichen Sinn verloren hat, denn die Chemieindustrie spielt in diesem Gebiet inzwischen keine große Rolle mehr, die meisten Menschen sind arbeitslos geworden. Neustadt ist heute ein sozialer Brennpunkt und gehört zu den so genannten „Shrinking Cities“. Das Gefühl, überflüssig zu sein, so erläutert Heise im Gespräch mit Kluge, sei ein existenzielles Problem für die Bewohner von Neustadt: Bei den Filmarbeiten stießen Heise und sein Filmteam auf Menschen, die auf der Suche sind: auf der Suche nach einer neuen Aufgabe, nach Liebe, einem neuen Lebenssinn, jedoch damit sehr schwer zurechtkommen. Diese Lebenssituation vergleichen Kluge und Heise mit der Metaphernwelt von Brechts “Lesebuch für Städtebewohner”, das zur Zeit der Weltwirtschaftskrise entstanden ist. An den Bewohnern von Neustadt ließe sich, so Heise, die “Grunderfahrung der 1920er Jahre” in ähnlicher Form wiederentdecken.

Über seine Rolle als Dokumentarfilmer sagt Heise, man müsse sich als Regisseur zurücknehmen, seine eigene Person in den Hintergrund stellen. Es sieht sich eher als aufmerksamen Beobachter, der sehr geduldig mit den Menschen in Kontakt tritt und versucht, ihnen mit dem Film eine Stimme zu geben; ein Eindruck über diese Herangehensweise wird durch die Präsentation mehrerer Filmausschnitte vermittelt.

Zum Ende der Sendung sprechen Kluge und Heise über die problematische Entwicklung der Stadt Halle. Heise beschreibt das Gefühl von Überflüssigkeit und Perspektivlosigkeit der Stadtbewohner: „Niemand braucht diese Menschen in Halle. Man könnte die ganze Stadt verschwinden lassen von einem Tag auf den anderen und es würde für die deutsche Industrie oder für die Politik oder sonst was gar nichts bedeuten.“ Diese Stimmung sei ein gefährlicher Nährboden für rechtsradikale Bewegungen.