Wer raucht sieht kaltblütig aus

Dauer:
0:15:05
Datum:
21 Jan 1996
Sendung:
Primetime
Sammlung:
Heiner Müller
Mit:
Heiner Müller

Beschreibung

Wenige Monate vor seinem Tod antwortet Müller auf die Stichworte "Atmen" und "Rauchen" mit einer Anekdote, die das Atmen als Indiskretion gegenüber den Toten deutet. Das Rauchen ist seiner Auffassung nach ein Vehikel der Stoa: "Wer raucht sieht kaltblütig aus" (Brecht) und "Wer raucht, wird kaltblütig" (Müller). Das Gespräch wendet sich dann Rolf Hochhuth und dessen Fakteninteresse an Effi Briest zu, deren lebendiges Vorbild mit 92 Jahren in Lindau gestorben ist. Hochhuth hat Müller auch eine Anekdote über Adolf Hitler erzählt, wie dieser als Kind die Hälfte seines Penis' verlor. Das Kolportageartige, Erregende solcher Geschichten bringen Müller und Kluge in Verbindung mit Friedrich Schiller, dem Hochhuth nahesteht. Der Vorstellung vom Theater als moralischem Vehikel des Weltgerichts kann sich Müller nicht anschließen, Theater sei eher die Tradierung kollektiver Erfahrungen zwischen Generationen. Das wesentliche Element des Theaters ist die Verwandlung, die letzte Verwandlung aber sei der Tod, so daß schließlich das Sterben, die Todesangst dasjenige sei, auf das sich das Theater verlasse. Kants Moralphilosophie ("der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir") bezeichnet Müller als Terror. Seine erste Begegnung mit Kant im Alter von zehn Jahren (Metaphysik der Sitten, Kapitel Onanie), habe ihn tief gekränkt. Umso erleichterter war er, als er später erfahren habe, dass Kant regelmäßig onaniert habe: "Er war widerlegt". Die Frage, ob die DDR an ihrem Puritanismus oder an ihrer Ökonomie zugrunde gegangen sei, beantwortet Müller mit einer witzigen Anekdote, die beides ins Verhältnis setzt. Ovids Metamorphosen sei der scheiternde Versuch eine Zivilisation zu begründen. Einzige Tröstung ist die Verwandlung in einen Stein oder einen Baum. Müller zitiert Brechts Wunsch, "mich zu verwandeln in unbedrohbaren Staub".