Mein Rendezvous mit dem Tod

Gespräch mit Heiner Müller nach seiner Operation

Dauer:
0:25:32
Datum:
20 Feb 1995
Sendung:
Ten to Eleven
Sammlung:
Heiner Müller
Mit:
Heiner Müller

Beschreibung

Den Titel des Interviews bildet ein Vers eines Gedichts eines Amerikaners über die Schlacht von Ypern im Ersten Weltkrieg: “Mein Rendezvous mit dem Tod vollzog sich in einem Schützengraben.” Müller erzählt zu Beginn des Interviews, wie er sich mental und physisch auf die Operation zur Entfernung der Krebserkrankung seines Halses vorbereitete. Daraufhin liefert er detaillierte Beschreibungen über die Zusammenhänge und Schwierigkeiten einer solchen Operation: Welche Bereiche der Speiseröhre entfernt wurden, wie er bestimmte Töne neu erlernen musste, ebenso zu essen und zu schlucken, usw. Zu lernen ohne Speiseröhre zu leben, sei vergleichbar mit dem Entfernen eines Aufzuges aus einem Gebäude, infolgedessen man nur noch an den Antriebsseilen hinauf und hinab gelangen könne. Sein postoperatives Trauma vergleicht Müller mit dem kollektiven Schock, den die Bevölkerung Ostdeutschlands nach der russischen Invasion 1945 erlitten hatte. Darüber hinaus weist er darauf hin, dass Poesie zu rezitieren sein Weg war mit den postoperativen Schmerzen auf der Intensivstation umzugehen. Prosa sei nicht wirksam gewesen. Die Frage von Kluge, ob diese Erfahrung für ihn als Dramatiker eine dramatische gewesen sei, verneint Müller. Einzig das Ausmass dessen, wie der Körper zum Instrument oder Vehikel wird, sei interessant. Abschliessend trägt Müller zwei seiner Gedichte, die er in der Intensivstation geschrieben hat, vor. Eines trägt den Titel “Theater Tod”, worin ein Schauspieler sterbend auf einer leeren Theaterbühne dargestellt wird.