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Boten der Plünderung. Aus Hans Magnus Enzensbergers Grabtafeln für Monstren und Helden des bürgerlichen Zeitalters

Text: In 37 Balladen hat Hans Magnus Enzensberger Mon...[Text bricht ab]

Text: Boten der Plünderung / Aus Hans Magnus Enzensbergers Grabtafeln für Monstren und Helden des bürgerlichen Zeitalters

Text: C.M. (1730-1817)

Text: M./ Der Buchstabe M auf den Sternkarten:

M 42 im Orion; M 57, der Ringnebel in der Leier;

auch die Pleiaden, M 45; und der neue Stern der Chinesen, die Supernova, M 1:

glühende Gaswolken, kosmische Bomben,

Radioquellen/ As-Sûfi, Himmelsfalke!/

O Swedenborg, extragalaktischer Träumer!/

Dagegen dieser: anstellig, sauber, unscheinbar/

Ein Hungerleider/ Mit einundzwanzig brachte er nach Paris

eine nette Handschrift mit und sonst nichts/

Text: Charles Messier, Astronom

Text: Fünfhundert Francs im Jahr, dazu Kost und Logis/

Delisle ließ ihne seinen Plan von Peking kopieren/

[...] Einmal brachte ihn seine Frau um eine ganze Nacht:

Sie lag im Sterben/

Er weinte um den Kometen,

den er versäumt hatte/

Während in London der alte Herschel seine riesigen Refraktoren goß,

schliff und montierte,

wachte er bei seiner Ölfunzel, theorielos/

Ein Ignorant/ Scharfe Augen, Pendeluhr/

Ein kleiner Quadrant, ein schäbiges Teleskop (7 Zoll)/

Das war alles/

Er schlief nicht/ Er suchte/

Finsternisse, Sonnenflecken/

In einer Herbstnacht vor zweihundert Jahren

bemerkte er unweit von Zeta Tauri

einen schwachen Lichtschein/

Einen Kometen, der kein Komet war,

denn er bewegte sich nicht/

Die Erscheinung, eine Milchstraße, störte ihn/

Er sah, zeichnete auf, begriff nichts/

Text: Der König - -

Text: [...] Den geköpften König vermißte er nicht,

nicht die Bierbrauer und Wäscherinnen,

die Rattenfänger und die Bankiers,

die das gleichtältige Beil zerschnitt/

Die Astronomen waren geflohen/

Nur einen fand er, Bochard de Saron, den Freund von Laplace/

[...] In seiner Zelle berechnete dieser ihm eine Kometenbahn,

bevor er auf das Schafott trat/

[...] Zwei Millionen Lichtjahre weit entfernt

vergeht eine Milchstraße, langsamer als wir/

M 31./ Wenn der Smog es erlaubt,

wenn ich absehe vom Widerschein der Insel Manhattan,

von der Geschichte, erblicke ich sie, winzig,

mit bloßem Auge, am nürdlichen Himmel

zwischen Mirach, Sirrah und Schedir,

in der Andromeda/

Text: L.S. (1729-1799)

Text: Der Abbé, ein hochfahrender Mann,

kleines Kinn, stechende Augen, von elektrischem Temperament,

doch ziemlich fett/

[...] Einer nie zuvor gedachten Klasse von Fragen nachsinnend,

handelt er um die Antworten aufzudfinden

zweckmäßig: zweckmäßig führt er

Knochenschere, Skalpell, rotglühende Nadeln/

Wohin fliegt die geblendete Fledermaus?/

Das Gehirn der geschlachteten Kuh,

die Muskeln des toten Hundes,

und die Lunge der ertrunkenen Frau,

unter der Glasglocke atmen sie weiter/

Text: Gehirn völlig außerhalb des Schädels

Text: [..] Man amputiere den Salamander,

man verscheuche die Aasfliegen,

man amputiere und amputiere und amputiere und

amputiere wieder:

Wachsen ihm Schwanz und Beine und Kiefer nach,

auch beim fünftenmal?/

Den Regenwurm teile man längs und quer,

in fünf Stücke/

Man köpfe ihn./

Die Folgen dieser Handlungen stelle man sorgfältig fest/

[...] Die Gelehrten belauern sich

wie Skorpione/

[...] Experimenteller Reflex:

Über die Verdauungs-geschäfte des Menschen

und verschiedener Thier-Arten/

Nimm einen Schwamm, knüpfe denselben

an einen Faden, verschlucke ihn,

hol dir den Magensaft aus dem Leib/

Reiß einer Katze nach dem Fraße

den Magen heraus,

vernäh das Organ, leg es in warmes Wasser

und demonstriere so auf dem Tisch

die Verdauung der Leichen/

Etwas Schöneres kann es nicht geben/

Text: Dr. Lazzaro Spallanzani

Text: [...] Der Abbé ist ein Triebtäter/

Molche kopuliert er mit Kröten!

monströse Vereinigungen/

Aus den geöffneten Weibchen holt er den Laich,

dann schlachtet er Männchen,

zapft ihre Milch ab,

und pflanzt die Toten fort/

[...] Er masturbiert einen Hund

und spritzt einer Hündin das Sperma ein/

Ich kann aufrichtig sagen, daß mir ein

lebhafteres Vergnügen niemals zuteil ward/

Das Tier wirft /

(Bald folgt ihm die erste Frau/)

[...] Die Folgen dieser Handlungen

stelle man sorgfältig fest/

Alexander Kluge: Spalanzani haben Sie hier beschrieben...

Hans Magnus Enzensberger: Ja, einen Biologen, der schon die ganze Sache mit der künstlichen Reproduktion von Lebewesen ausgeforscht hat. Er hat Experimente gemacht – In-vitro-Fertilisation und so weiter...

Kluge: Pfropfen...

Enzensberger: Pfropf auf...

Kluge: Schlangen, Kröten...

Enzensberger: Schlangen, ja.

Kluge: Meist stirbt die Natur dabei, aber manchmal gibt’s auch etwas.

Enzensberger: Manchmal gibt’s ein Resultat, ja. Und dieser Stanley, zum Beispiel, der dann am Schluss... der dieser große Afrikaforscher und auch Eroberer... eine Stütze des Imperialismus, natürlich, und der kommt dann nach Hause und baut sich einen Garten wo er das en miniature, ein Afrika en miniature, in seinem Gartenhäuschen spielt er wie ein... ganz infantil baut er...

Text: Henry M. Stanley, Afrikareisender

Kluge: Erzählen Sie mal, was das für ein Mann ist. Also der wird vom Herald Tribune, also einer großen Zeitung, ausgesandt, Livingston, der in Afrika verschollen ist, zu finden...

Enzensberger: …zu finden, ja...

Kluge: Und er wandert zu Fuß mit Karawane durch die Mitte Afrikas...

Enzensberger: … lässt sich tragen...

Kluge: … lässt sich tragen und findet den Livingston...

Enzensberger: ...findet den Livingston, ja.

Kluge: Und dann ist er noch mit Instrument...

Enzensberger: Kongo, die ganze Kongo-Geschichte hängt damit zusammen...

Kluge: Er bringt Grausamkeit...

Enzensberger: Er bringt Grausamkeit hin, und zwar eben eine systematische. Ich meine sicherlich waren das auch keine idyllischen Gesellschaften, aber diese Systematisierung der Ausbeutung, das ist nun etwas was von Außen kommt, das ist klar.

Text: H.M.S. (1841-1904)

Text: [...] Das falsche Bewußtsein im Tropenhelm/

Heroismus, handkoloriert/

Urwälder, Wüsten, Prärien: alles Staffage/

Jede Geste gestellt,

die Geschichte ein Vorwand für Reportagen/

[...] Zeilenschinder, Idealist, Söldner,

Spesenritter, Streber, Agent./

Tourist der Blutbäder,

Schmeißfliege des Genozids:

Niederwerfung der Kiowa, der Comanchen und Sioux (1867),

Expedition gegen Abessinien (1868),

Massaker an der Goldküste (1873):

immer dabei in seiner hochherzigen Art/

Text: Inventar einer Expedition:

Ein Anführer, ein erster Adjutant,

ein zweiter Adjutant, ein Büchsenträger,

ein Dolmetscher, ein Hauptfeldwebel,

drei Feldwebel, 23 Mann Wache, 157 Träger,

ein Koch, ein Schneider, ein Zimmermann,

zwei Pferde, 27 Esel, ein Hund, einige Ziegen;

71 Kisten mit Munition, Kerzen, Seife, Kaffee, Tee, Zucker,

Mehl, Reis, Sardinen, Pemmikan,

Dr Liebig's Fleischextrakt, Pfannen, Töpfe,

drei Zelte, zwei Faltboote, eine Badewanne/

Text: Gulliver bei den Liliputanern

Text: Gulliver bei den Riesen

Text: “Ein Gesunder war er, der mit sich die Krankheit ahnungslos schleppte / Ein uneigennütziger BOTE DER PLÜNDERUNG, ein Kurier, der nicht wußte, daß er die Zerstörung dessen zu melden gekommen war, was er, in seinen ‘Naturgemälden’, bis daß er neunzig war, liebevoll malte” --

Text: Alexander von Humboldt

Text: “Ein ungerechter Prozeß”

Lima (Peru)

23. Oktober-24.Dezember 1802

Text: [...] Der Vizekönig Castelfuerte machte dem Rat Antequera

einen ungerechten Prozeß/

Er ließ ihn, auf ein schlechtes Maultier gebunden,

von Paraguay nach Lima kommen/

Er klagte ihn falsch an, er habe in Paraguay Unruhe stiften wollen /

Er bereute dies später und sah,

daß nur zwei Auswege zu ergreifen waren:

Entweder den Angeklagten entkommen zu lassen,

damit sein Prozeß nicht zu Ende geführt werden könnte,

oder ihn aufzuhängen/

Er gab dem Rat die Erlaubnis, in der Stadt spazierenzugehen,

aber als er sah, daß der Angeklagte nicht entlief,

ließ er ihn aus eigener Macht hängen/

Es gab einen großen Auflauf des Volkes,

das sehr aufgebracht gegen den Vizekönig war/

Die Franziskaner-mönche sagten dem Rat,

er solle guten Mut haben/

Der Vizekönig besaß die Grausamkeit, das Schauspiel seiner Rache

genießen zu wollen/ Er setzte sich aufs Pferd

und erschien auf dem Platz /

Kaum sahen die Mönche ihn,

als sie glauben machten, dies geschehe,

um eine Begnadigung auszusprechen/

Sie schrien aus Leibes-kräften:

“Pardon, Pardon...”/

Das Volk wollte bei diesen Worten den Rat

dem Henker entreißen/

Der Vizekönig verlor die Fassung nicht

und schrie den Soldaten,

die geladene Gewehre hatten, zu:

“Tötet die Mönche”/

In der Tat drückten die Soldaten ab und

töteten zwei Mönche/

Der Henker, der sah, daß man die Mönche tötete,

glaubte, keine Zeit verlieren zu dürfen und

richtete den unglücklichen Antequera hin/