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Maschinist Hopkins

Text: Am 29. April 1929 wurde in Duisburg die einzige Oper uraufgeführt, die in der industriellen Arbeitswelt spielt / Das Stück handelt von JIM, NELL, BILL und einem MASCHINISTEN, der als Rächer auftritt / Nachts singen die Maschinen / Sylvia und Astrid Ackermann rekonstruieren eine Rarität: MASCHINIST HOPKINS, Oper in 12 Bildern von Max Brand - -

Text: MASCHINIST HOPKINS / Industrie-Oper in 12 Bildern von MAX BRAND

Text: Mit Kommentaren von MARXFORSCHER Oskar Negt

Text: Nell

Text: Maschinenhalle bei Nacht / Gegen den lichteren Hintergrund (Glas) / heben sich gigantische Maschinen, / wie phantastische Fabelwesen ab / Links Plattform von der eine eiserne Wendeltreppe / zur Bühne herabführt / Hie und da blinkt ein glatter Metallteller nackt, / wie ein bösartiges Auge auf / Beim Aufgehen des Vorhangs / ist die Bühne vollkommen dunkel /

Oskar Negt: Und es ist eine sehr, sehr, sehr merkwürdige Situation, die hier in dieser Oper beschrieben wird. Dass auf der einen Seite die Maschinen ihre Stimmen bekommen, die ihre Klagelieder anstimmen …

Alexander Kluge: Nachts, als Chor …

Text: Oskar Negt, Autor

Negt: … also ihr Sklavendasein beklagen; andererseits eben die Menschen, die Arbeiter, das zeigt sich dann gegen Ende dieser Oper, eben auch im Grunde ein Sklavendasein führen, und sich dann auch rebellierend verhalten. Auf der anderen Seite eben die Menschen mit einer ungeheuren Gefühlsdichte, geradezu einer Punktualität von Gefühlsexplosionen ausgestattet sind. Und immer ist auch das Eiskalte der Maschinenwelt in den Menschen selbst. Sehr häufig ist von „eiskalt“ die Rede, Hopkins vermittelt der Nell, dieser Frau, um die es da geht, um die gekämpft wird auch, die dann schließlich als Wirrende endet, vermittelt eiskalt den Entführungs- und Verführungsplan, und den Racheplan gegenüber seinem jetzigen Arbeitergeber. Das heißt, es sind immer Maschinen, Gefühle, und die eiskalte Welt menschlicher Beziehungen auch im Spiel.

Text: Sylvia Ackermann, Pianistin

Negt: Es geht um die Rettung dieser Fabrik. Es geht darum, dass die lebendigen Menschen wieder arbeiten.  

Kluge: Dass sie sich versöhnen mit der Maschine, dass die Betriebsführung und die Arbeiterschaft sich miteinander versöhnen, und das löst dann die Schwierigkeiten.

Negt: Aber es ist ein nicht sehr befriedigendes Ende. Man kann sich kaum vorstellen, dass jetzt die Maschinen einen triumphalen Chor anstimmen. Sondern es ist eher eine Rückkehr zu einem normalen Ausbeutungsverhältnis, das hier entsteht, und keine wirkliche Befreiung. Jedenfalls, so nehme ich diesen Text wahr.

Kluge: Wenn man das jetzt mal als Wirklichkeit nimmt. Und du versetzt dich in das Jahr 1947. Die Alliierten versuchen Maschinen abzubauen, in denen ja die Arbeitskraft der Arbeiter steckt, und ihrer Vorgänger, ihrer Eltern steckt. Und diese Reparationen werden verhindert durch Aktionen der Belegschaft: Die Maschinen werden versteckt, sie werden verteidigt. Alles das hat es gegeben. Hier ist jetzt doch ein anderes Verhältnis zur Maschine.

Negt: Ja. Es ist ein Verhältnis zur Maschine, wie es auch immer in der europäischen Arbeiterbewegung bestanden hat: Die Hoffnung, dass die Maschine durch ihre Eigenproduktivität das Sklavendasein der Menschen mindert und am Ende vielleicht sogar aufhebt. Die Produktivkräfte werden ja sehr hoch eingeschätzt für die mögliche Emanzipation der Menschen, bei Marx, und auch in der zweiten Internationalen der Arbeiterbewegung, natürlich in der Sowjetunion sowieso. Die Maschine soll dem Menschen dienen, und deshalb soll sie auch pfleglich behandelt werden, wie ein Pflug von einem Bauern pfleglich behandelt werden muss. Der mag kein persönliches Verhältnis zu einem Pflug haben, aber er wird einen Pflug genauso pfleglich behandeln wie sein Pferd.

Text: NELL / BILL / JIM / MASCHINIST HOPKINS

Negt: Marx hat ja einmal von den Maschinen als der verstorbenen lebendigen Arbeit gesprochen, als etwas Vergegenständlichtes, aber was noch so etwas wie den Geist und Gefühle in sich trägt. Und offenbar versucht der Max Brand jetzt das, was da drin steckt, gegenständlich geworden ist, wieder zu verlebendigen, indem er so Maschinen-Chöre und die Maschinen sprechend und singend macht.

Text: Oskar Negt, Autor

Text: Karl Marx

Kluge: Nach Marx würde doch in den Maschinen die menschliche Arbeitskraft, also die Menschen, die sie gebaut haben, und alle Voraussetzungen von Menschen, die notwendig sind, damit solche Maschinenwelt entsteht, die stecken nach wie vor in denen.

Negt: Und die Erkenntnis muss auch den Weg verfolgen, den die lebendige Arbeit in ihren Transformationen macht. Erst dann erkennt sie das, was Maschinen ausmacht, was die innere Zusammensetzung von Maschinen ist. Der Geist, der da drin steckt, muss erkennbar gemacht werden als der Geist gesellschaftlich lebender und arbeitender Menschen.

Kluge: Wenn die Maschine nicht aus Metall, also Objekten besteht, sondern eine Gesellschaft bildet, also eine gesellschaftliche Maschinerie wird, würde dasselbe gelten. Nur man kann es nicht gleich sehen.

Negt: Bei dem Max Brand steckt so etwas drin. Das Leiden der Maschinen, diese Maschine als instrumentum vocale, hat ja Marx einmal die Sklaven bezeichnet, als instrumentum vocale. Ein sprechendes Werkzeug. Sie sind in ihrer Sklavengeschichte, in ihrer Leidensgeschichte in gewisser Weise auch rachsüchtig. Also wenn der Hebel zufällig einsetzt, von einem, dem der Hauptschlüssel enteignet wurde durch seine eigene Frau, um die Maschine in Gang zu bringen und sie abzustellen, dann wird diesem Menschen ein Bein abgerissen. Das heißt also, die Maschinen sind auch Apparate, die so etwas wie spontane Rache dadurch, dass sie sich einschalten, oder eingeschaltet werden, üben gegenüber ihrem Peiniger. Es ist also eine sehr merkwürdige Vermenschlichung der Maschinen und Maschinisierung der Menschen in dieser Oper.

Sylvia Ackermann: Maschinenhalle bei Nacht

Text: Sylvia Ackermann, Pianistin

S. Ackermann: Versklavter Geist zur Form erstarrt, in Eisen hart, muss raffen, raffen, raffen, raffen. Gelenke schwer, ganz ohne Wehr, erfüllt von Macht, die alles schafft, sie folgen, folgen, folgen, folgen, folgen, folgen, folgen. Tag für Tag, schwingt jedes Rad, die Wellen laufen, Kolben sausen, immerzu, immerzu.

Kluge: Da ist ursprünglich Nell, ein blondes Mädchen, wird gesagt. Eine Arbeiterin. Und die liebt Bill. Sie gehört aber dem Vorarbeiter oder Werksführer, Jim. Und dieser Jim wird durch Bill getötet. Er wird in die Maschine hineingeschmissen. Das ist eine sehr alte Metapher. Die kommt schon bei Gryphius vor, dass der Börsianer, der üble Spekulant reingeschmissen wird in eine Getreidemühle. Und hier kommt Jim in der Maschine um. Das ist so eine Art Urschuld in der Handlung. Der Anfang beruht auf Mord. Und jetzt steigen Nell und Bill auf. Sie sind jetzt nicht mehr Arbeiter, sondern Betriebsdirektoren. Sie ist eine Dame der Gesellschaft gleichzeitig. Und sie vergessen, sie sind als Arbeiter nicht mehr erkennbar. Sie sind nicht Gewerkschaftsführer geworden, oder Arbeiterführer, sondern sie sind Unternehmer.

Negt: Und sie verhalten sich jetzt … es ist ja nicht richtig erkennbar, ob wirklich der Jim, als ein solcher Werkführer, der den Hauptschlüssel hat für die Funktion der Maschinen, ob das wirklich ein Unterdrücker ist. Das ist ja nicht erkennbar. Er verfügt über das Ganze, aber ob er ein schlechter Mensch war, das lässt Max Brand nicht erkennen.

Text: Oskar Negt, Autor

Kluge: Es genügt, dass der Bill sagt: Ich möchte an diese bevorzugte Stelle hin, deswegen musst du weg und gemordet werden.

Negt: Und das Bezeichnende ist ja, dass dann auf der Grundlage dieses Mordes, dieser, wenn man so will, Urschuld, die Entwicklung des Bill genauso läuft, wie man vermuten könnte, dass die Entwicklung von Jim gewesen ist.

Kluge: Jeder, der diese Chefstelle einnimmt, wird zwei Eigenschaften haben: Er beherrscht Nell, Nell beherrscht ihn – er muss seine Frau verteidigen –; und er verwandelt sich in den Ausbeuter, dessen Eigenschaften hier übertrieben werden, was man auch bei Brecht gelegentlich feststellen kann: Gier, Sexualität …

Text: GEFÜHLE werden in Opern übertrieben

Negt: Aber was man zum Beispiel auch bei Verdi und anderen feststellen kann, die ungeheure Kraft der Übertreibung auch von Gefühlen.

Kluge: Aber bei Verdi hin zu den Tugenden, zu den großmütigen Gefühlen. Zur großen Rache, zur großen Vergeltung, zum Idealismus.

Negt: Die Tragik hat Auswege. Die Tragik hat Auswege.

Kluge: Während hier eine materialistische Vorliebe ist zur Gier, zur Stillung des Hungers, zum einfachen Neid. Hier werden die Gefühle abgewertet und dort intensiviert.

Negt: Obwohl dann am Ende dieser Oper eben doch die Fabrik weiterläuft. Der Maschinist Hopkins bringt das wieder in Gang. Das heißt, die Arbeiter werden eingestellt.

Kluge: Er verhindert den Verkauf der ganzen Arbeiterschaft an eine fremde Unternehmung.

Negt: Es ist ein begrenztes Glück, das am Ende steht.

Astrid Ackermann: Reichet eine Hand der anderen. Arbeits Bandes endlos Wandern fließt durch uns, durch uns zum Ziel. Keine Mühe ist zu viel. Und der Tage Mittagsbläue gibt uns Frauen keine neue Hoffnung.

Text: Astrid Ackermann, Sprechstimme

Text: Motive des Maschinisten Hopkins

Negt: Das heißt also, da hängt auch Blutschuld an seinem Unternehmen und die Freiheit …

Kluge: Nur dass er auf Nell verzichten kann. So wie Alberich auf Liebe verzichtet, oder ihr abschwört, ist ja jetzt versachlicht. Er tut es nicht, um eine Frau zu gewinnen.

Negt: Nein. Er benutzt diese Frau, um einmal Rache zu üben; zum anderen die Verfügungsrechte, die andere hatten, selber zu erwerben, also Macht zu erwerben. Er benutzt hier vorgetäuschte oder wirkliche Liebe zu dieser Frau, um Macht zu erwerben.

Kluge: Und in der Musik werden jetzt alle Mittel verwendet, die modern sind. Tangos, Jazz-Musik, aber auch Musik, die so klingt wie bei Alban Berg oder wie bei den anderen Modernen. Auch manchmal so wie bei Kurt Weill. Eine starke Musik.

Negt: Es ist offenkundig, dass die serielle Musik von Alban Berg und Schönberg, die ja zum Beispiel auch bei Hanns Eisler eine große Rolle spielt, ist auch der Versuch, die Maschinenwelt der Moderne einzubeziehen in die Klangstrukturen der Musik.

Text: Freizeitgespräch ZWEIER ARBEITER / „Schau, wie das Gemüse sich üppig macht“

A. Ackermann: Schau, wie das Gemüse sich üppig macht. – Ach, das ist gar nichts. – Da ist jetzt eine, sag ich dir. Blond und zart, und jeden gern nimmt. – Und woher kommt die denn? – Weiß nicht genau. Man munkelt allerlei. Die einen sagen, sie war einmal eine große Dame; die anderen wiederum, sie stamme von hier. – Kennst du sie? – Komm grad von ihr. – Ach, da schau her. – Hände hat sie, sag ich dir. So feine, man kann kaum glauben, was die Leute sagen. – Was denn? – Sie hätte mal einen Mann gehabt, den sie umgebracht. – Mit so einer hätt ich nicht gerne zu tun.

Text: Astrid Ackermann, Sprechstimme

Text: Sylvia Ackermann, Pianistin

S. Ackermann: Endlos Wandern fließt in uns, durch uns zum Ziel. Keine Mühe ist zu viel. Und der Tage Mittagsbläue gibt uns Frauen keine neue Hoffnung. Immer gleich die Hast, keine Ruhe, keine Rast.

Text: MASCHINIST HOPKINS / Industrie-Oper in 12 Bildern von MAX BRAND

Text: TV-Uraufführung mit Sylvia und Astrid Ackermann / Mit Kommentaren von MARXFORSCHER Oskar Negt