In Memoriam

In Memoriam

14 February 1932 — 25 March 2026

Alexander Kluge

From the Advisory Board of Cultural History in Dialogue

Alexander Kluge was a visionary, who worked tirelessly with cosmic and microscopic perspectives alike to generate hope, possibility, and freedom for all. He will be sorely missed and yet remains ever present. His countless experiments in sense perception, critical theory, and the making of better times continue to show us the way.

Leslie A. Adelson

Alexander Kluge will be rightly remembered as a unicum—a postmodern polymath, a Renaissance man who seemed to live in the past but to come from the future. What really made Kluge unique were not only his major contributions to film, literature, television, and other media. It was his personality. I am forever grateful for the opportunity to meet and talk. I hope that anyone who did not have the same good fortune will keep getting to know you through your impactful and everlasting work.

Erik Born

I remember my first encounter with Alexander Kluge as something magical. He was speaking, understatedly, softly, in the Film Studies Center auditorium at the University of Chicago in the mid-1990s. He was shooting in Chicago, I think, maybe the later two conversations with Miriam Hansen, or shorts like Chicago im Zeitraffer (Chicago in time lapse), and showing us, a group of students, his recent documentation of Christo and Jeanne-Claude’s wrapping of the Reichstag, while talking about his efforts to sneak a bit of a counterpublic sphere into German private television with his two programs 10 vor 11 (Ten to Eleven, 1988-2018, on RTL+) and the ironically titled Prime Time – Spätausgabe (Prime Time – Late Edition, 1990-2008, on RTL+). His English seemed more searching than in later years, and Miriam Hansen whispered translations to him. At the end, a fellow graduate student remarked that he should be grandfather to us all. Today, the reverberations in that room—the sounds, gestures, translations, interactions—instigated by Kluge, bouncing off each other, feel like a miniature, an ethereal yet lasting transatlantic constellation.

Sabine Haenni

Zwei Erinnerungen

Jetzt, wo er im Grab liegt, melden sich die Erinnerungen. Bei unserer ersten persönlichen Begegnung 1986 in Frankfurt bat ich ihn, einige Erzählungen zu lesen. Ich hatte aus dem Fundus von Radio Bremen ein 5 kg schweres Nagra Tonbandgerät dabei. Er, im Umgang damit erfahrener als ich, schaltete es an, lauschte auf die Betriebsgeräusche und holte dann drei Sofa-Kissen herbei, um das Gerät abzudecken. Die Laufgeräusche sollten das Mikrofon nicht erreichen. Er war in Sprache und Bewegungen immer flink, aber jetzt sehr sorgsam und bedächtig. Auch als er das Buch holte, legte er es auf den Tisch wie ein Priester die Bibel auf den Altar. Mir fiel damals Gottfried Benn ein, von dem man sagte, er lese seine eigenen Gedichte, als sähe er sie zum ersten Mal. Von Kluge, der doch im Gegensatz zu Benn ein “Materialist” war, hätte ich etwas, das man “Ehrfurcht” vor dem Poetischen hätte nennen können, noch dazu vor seinen eigenen Produkten, nicht erwartet. Er las dann auch, was zwar nichts “Heiliges” hatte, aber sehr konzentriert, ein wenig so, als ob er nicht mehr ganz im Diesseits sich befände. Heute, fast ein halbes Jahrhundert später, da ich weiß, dass es ihm wirklich um die Entwicklung eines “neuen Menschen” mithilfe des “poetischen Sinnes” gegangen ist - das sagte er aber fast nie so direkt, weil dann alle innerlich abwinken -, verstehe ich besser, was mich damals verblüfft hat. Es war dasselbe, was ältere Dichter mit “Muse” gemeint haben. Auch der aufgeklärte, moderne, selbstbewusste Mensch hat 600 Jahre gebraucht, von der Gründung der Städte in Europa im 12. Jahrhundert, bis zu den Revolutionen im 18. Jahrhundert, die diesen Prozess abschlossen, um Wirklichkeit zu werden. Ähnlich wächst in uns der “poetische” Mensch heran. “Poesis” heißt freie Arbeit. Ein poetischer Mensch ist jemand, der beim Anblick von Kriegsgerät und feierlichen Staatsakten Hautausschlag bekommt.

Zu einem späteren Zeitpunkt in München. Wir hatten nachmittags TV-Aufzeichnungen gemacht und Projekte besprochen, dann in einem Lokal den frühen Abend verbracht und ich begleitete ihn, beide etwas angeheitert, nach Haus. Es war Frühjahr, und unsere durch Jacken geschützten Schultern berührten sich beim Gehen. Ich hatte nach einer Minute das Gefühl, als suchte er diese “Tuchfühlung” geradezu. Mir war das angenehm, und so gingen wir, leicht aneinander gelehnt, wie die Radfahrer in dem französischen Film “Themroc”, des Weges. In diesem Film treffen sich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit zwei radfahrende Kollegen an derselben Stelle. Und ohne Hinzuschauen lehnen sie sich mit den Schultern aneinander, um den Rest des Wegs gemeinsam zu fahren. Eines Tages fehlt einer der beiden. Der andere, stolz darauf, dass er den Sehsinn gar nicht braucht, lehnt sich ins Nichts und fällt. “Macht der Gefühle”, aber nur, wenn sich die Menschen nicht vereinzeln.

Kluge war ein poetischer Historiker des Kairos. Geschichtsschreibung besteht daraus, Kairoi zu sammeln. Da wir Menschen günstige Augenblicke im allgemeinen verpassen, nur selten erhaschen wir einen, und je mehr es in die große Geschichte geht, um so seltener geschieht das, können wir aus den Sammlungen verpasster günstiger Augenblicke oder der “Jetztzeiten”, wie Benjamin das nannte, lernen. Wenn Kluge so alt geworden ist, dann, weil er den Toten seine Stimme und Bilder gab. Sie haben ihn behütet, denn die Anzahl solcher Stimmen auf Erden ist gering.

Rainer Stollmann

Alexander Kluge was extremely generous with his time, with his work, and with his ideas. Engaged as he was, deeply, in so many projects, he was at the same time a remarkably steady collaborator and a patient interlocutor. Construction work on a “transatlantic bridge” for the exchange of stories, critique, and commentary was his urgent priority, especially in recent years, and he saw the work with us in Ithaca and Bremen in this context. Multidirectional exchange across time – past, present, and future – was also indispensable. He said: “today we are dwarfs on the shoulders of giants,” referring to Adorno, to Benjamin and others. Now unquestionably many of us stand on Alexander Kluge's shoulders, and we are grateful for the broad view that this affords.

Kizer S. Walker

“Kluge’s life was long in human terms, but just a tiny flash measured against the many-million-year spans of his galactic art. He could be precisely attuned to the here and now while contemplating the unfathomable expanse of space and time. Thank you, Alexander Kluge, for extending the history of musical touch all the way back to our ancestors singing and swaying on branches and then landing on the ground below.”